Kolbenfresser – wie entsteht er und was verrät das Schadensbild? - Motorensachverständiger, Motorengutachter, Motorschaden Sachverständiger, Motorschaden Gutachter
Ingenieurbüro für Verbrennungsmotoren GmbH
öffentlich bestellter und vereidigter Motorensachverständiger-Dipl. - Ing. (FH) Jörg Schulz
Wie wird die Ursache eines Motorschadens sachverständig festgestellt?
Fachbeitrag von Dipl.-Ing. (FH) Jörg Schulz – Sachverständiger für Motorenschäden
Ein Motorschaden kann sehr unterschiedliche Ursachen haben. Von mangelnder Schmierung über Überhitzung, Material- oder Konstruktionsfehler bis hin zu fehlerhaften Reparaturen oder einer unsachgemäßen Nutzung kommen zahlreiche Schadensursachen in Betracht.
Die entscheidende Frage lautet daher häufig nicht nur:
„Was ist am Motor beschädigt?“
sondern vielmehr:
„Warum ist dieser Schaden entstanden?“
Gerade bei einem Streit zwischen Fahrzeughalter, Werkstatt, Händler, Hersteller oder Versicherung ist eine nachvollziehbare und technisch belastbare Ursachenfeststellung von besonderer Bedeutung. Die Aufgabe des Sachverständigen besteht dabei darin, den vorhandenen Schaden zu untersuchen, mögliche Ursachen systematisch zu bewerten und den technischen Zusammenhang zwischen Ursache und eingetretenem Schaden zu beurteilen.
1. Schadensbild als Ausgangspunkt der Untersuchung
Jede sachverständige Untersuchung beginnt mit der Erfassung des vorhandenen Schadensbildes.
Dabei werden zunächst beispielsweise folgende Punkte untersucht:
Welche Bauteile sind beschädigt?
Wie stark sind die Beschädigungen?
Welche Schadensmerkmale sind erkennbar?
Liegen typische Verschleißspuren vor?
Sind Bruch-, Fress-, Anlauf- oder Überhitzungsspuren vorhanden?
Gibt es Hinweise auf mangelnde Schmierung?
Sind Fremdkörper oder Verunreinigungen vorhanden?
Welche Bauteile sind unmittelbar und welche nur mittelbar beschädigt?
Das Schadensbild liefert wichtige Hinweise auf den möglichen Schadensablauf.
Ein gebrochener Pleuel, ein eingelaufenes Hauptlager oder ein gefressener Kolben stellt zunächst lediglich den eingetretenen Schaden dar. Daraus allein lässt sich noch nicht automatisch die Ursache ableiten.
2. Unterscheidung zwischen Schaden und Schadensursache
Ein wesentlicher Bestandteil der sachverständigen Tätigkeit ist die Trennung zwischen Schadensbild, Schadensursache und Folgeschäden.
Beispielsweise kann ein beschädigtes Pleuellager festgestellt werden. Dieses Pleuellager kann infolge einer unzureichenden Schmierung beschädigt worden sein. Die unzureichende Schmierung wiederum kann beispielsweise auf einen zu niedrigen Ölstand, einen Öldruckverlust, eine verstopfte Ölversorgung oder einen anderen technischen Defekt zurückzuführen sein.
Die sachverständige Untersuchung muss daher möglichst weit bis zur technisch maßgeblichen Ursache zurückgeführt werden.
3. Sichtprüfung und technische Befundaufnahme
Nach der ersten Dokumentation erfolgt eine detaillierte technische Befundaufnahme.
Hierzu gehören unter anderem:
Kontrolle des Motorölstands und der Ölqualität,
Kontrolle des Kühlmittels,
Untersuchung von Motor und Nebenaggregaten,
Prüfung auf äußere Undichtigkeiten,
Kontrolle von Ölwanne und Ölfilter,
Untersuchung von Zünd- beziehungsweise Glühkerzen,
Kontrolle des Luftfilters,
Untersuchung von Turbolader und Ladeluftsystem,
Prüfung von Steuertrieb und Ventiltrieb,
Untersuchung von Kolben, Zylinderlaufbahnen, Lagern und Kurbelwelle.
Die einzelnen Befunde werden dokumentiert und hinsichtlich ihrer technischen Bedeutung bewertet.
Dabei ist es wichtig, nicht nur einzelne Beschädigungen isoliert zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel der einzelnen Befunde.
4. Endoskopische Untersuchung des Motors
In vielen Fällen kann eine Endoskopie wichtige Erkenntnisse liefern, ohne dass der Motor vollständig zerlegt werden muss.
Mit einem Endoskop können beispielsweise
Kolbenböden,
Zylinderlaufbahnen,
Ventile,
Brennräume,
Ablagerungen und
Beschädigunge
untersucht und fotografisch dokumentiert werden.
Typische Spuren wie Laufbahnriefen, Fressspuren, ungewöhnliche Ablagerungen oder Beschädigungen am Kolben können Hinweise auf den Schadensmechanismus liefern.
Eine Endoskopie ersetzt jedoch nicht in jedem Fall eine weitergehende Demontage. Ob eine Zerlegung erforderlich ist, hängt vom konkreten Schadensbild und von der zu beantwortenden Fragestellung ab.
5. Kompressionsprüfung und Druckverlustprüfung
Bei Verbrennungsmotoren können Druckmessungen wichtige Informationen über den Zustand des Motors liefern.
Bei einer Kompressionsdruckmessung wird festgestellt, welcher Druck während des Verdichtungsvorgangs in den einzelnen Zylindern aufgebaut wird.
Deutliche Unterschiede zwischen den Zylindern können beispielsweise auf Probleme an
Kolben,
Kolbenringen,
Zylinderlaufbahnen,
Ventilen oder
Zylinderkopfdichtungen
hindeuten.
Mit einer Druckverlustprüfung kann die Ursache eines festgestellten Druckverlustes weiter eingegrenzt werden. Dabei lässt sich beispielsweise feststellen, ob die Druckverluste eher über die Kolben beziehungsweise Kolbenringe, die Einlassventile, die Auslassventile oder in Richtung Kühlsystem auftreten.
6. Untersuchung des Motoröls
Das Motoröl kann ein wichtiger Informationsträger bei der Ursachenanalyse sein.
Eine Laboranalyse kann beispielsweise Hinweise auf erhöhte Konzentrationen bestimmter Verschleißmetalle liefern.
Untersucht werden können unter anderem:
Eisen,
Chrom,
Kupfer,
Blei,
Aluminium,
Silizium,
Natrium,
Kalium und
der Wasser- beziehungsweise Kraftstoffanteil.
Erhöhte Eisen- oder Chromwerte können beispielsweise auf erhöhten Verschleiß an Zylinderlaufbahnen oder Kolbenringen hindeuten. Erhöhte Kupfer- oder Bleianteile können Hinweise auf einen Verschleiß an Gleitlagern liefern.
Dabei ist allerdings zu beachten:
Ein einzelner Laborwert beweist grundsätzlich noch keine bestimmte Schadensursache.
Die Ergebnisse müssen immer mit dem übrigen Schadensbild und den weiteren Untersuchungsergebnissen abgeglichen werden.
7. Auslesen des Fehlerspeichers
Moderne Fahrzeuge verfügen über umfangreiche elektronische Diagnosesysteme.
Deshalb gehört bei vielen Motorschäden auch die Auswertung des Fehlerspeichers zur sachverständigen Untersuchung.
Dabei können unter anderem
gespeicherte Fehlercodes,
Kilometerstände,
Umgebungsbedingungen,
Drehzahlen,
Temperaturen,
Ladedruckwerte,
Einspritzwerte und
weitere Freeze-Frame-Daten
von Bedeutung sein.
Besonders wichtig ist die zeitliche Einordnung der Fehler.
Ein gespeicherter Fehlercode bedeutet nicht automatisch, dass dieser Fehler die Ursache des später eingetretenen Motorschadens war. Ebenso kann ein Fehlercode erst als Folge eines bereits eingetretenen mechanischen Schadens gespeichert worden sein.
Deshalb muss zwischen Ursache, Begleiterscheinung und Folgefehler unterschieden werden.
8. Untersuchung der Wartungs- und Reparaturhistorie
Die technische Untersuchung des Motors wird häufig durch die Auswertung vorhandener Unterlagen ergänzt.
Von Bedeutung können beispielsweise sein:
Wartungsrechnungen,
Werkstattaufträge,
Reparaturrechnungen,
Inspektionsnachweise,
Ölwechselintervalle,
Diagnoseprotokolle,
frühere Fehlerspeicherauslesungen,
Prüfberichte,
Fotos,
Fahrzeugdaten und
Angaben zum Schadenseintritt.
Insbesondere bei einem Motorschaden nach einer Reparatur ist die zeitliche Abfolge von erheblicher Bedeutung.
Wurde beispielsweise kurz vor dem Motorschaden der Steuertrieb, der Zylinderkopf, der Turbolader oder die Ölversorgung repariert, muss geprüft werden, ob zwischen dieser Reparatur und dem späteren Schaden ein technischer Zusammenhang bestehen kann.
9. Rekonstruktion des Schadensablaufs
Ein wichtiger Bestandteil der sachverständigen Ursachenanalyse ist die Rekonstruktion des möglichen Schadensablaufs.Dabei wird untersucht:
Was ist zuerst passiert?
Welche technische Folge hat sich daraus ergeben?
Welche weiteren Bauteile wurden dadurch beschädigt?
Beispielsweise kann ein zunächst unbemerkter Schmierungsfehler zu einer erhöhten Lagertemperatur führen. Daraus kann ein zunehmender Lagerverschleiß entstehen. Im weiteren Verlauf kann sich das Lagerspiel verändern und schließlich ein schwerer Kurbeltriebsschaden entstehen.
Die Aufgabe des Sachverständigen besteht darin, einen solchen Schadensablauf technisch nachvollziehbar zu rekonstruieren.
10. Prüfung alternativer Schadensursachen
Eine belastbare Ursachenanalyse darf sich nicht ausschließlich auf die zuerst naheliegende Erklärung konzentrieren.
Vielmehr müssen auch alternative Ursachen berücksichtigt werden.
Bei einem Motorschaden können beispielsweise mehrere Möglichkeiten in Betracht kommen:
Ölmangel,
falsches Motoröl,
Ölverdünnung durch Kraftstoff,
Überhitzung,
Kühlmittelverlust,
Materialfehler,
Konstruktionsfehler,
Montagefehler,
fehlerhafte Reparatur,
falsche Steuerzeiten,
Überdrehzahl,
Fehlfunktion der Einspritzanlage,
Turboladerschaden,
Fremdkörperschäden oder
übermäßiger Verschleiß.
Die einzelnen Möglichkeiten werden anhand der vorhandenen technischen Befunde miteinander verglichen.
11. Technische Plausibilitätsprüfung
Eine wesentliche Frage lautet:
Passt der behauptete Schadenshergang zum tatsächlich festgestellten Schadensbild?
Beispielsweise kann behauptet werden, dass ein Motor aufgrund eines bestimmten Bedienungsfehlers beschädigt wurde. Dann muss geprüft werden, ob dieser Bedienungsfehler technisch überhaupt geeignet ist, die festgestellten Schäden hervorzurufen.
Umgekehrt kann eine bestimmte Beschädigung auch typische Merkmale eines anderen Schadensmechanismus aufweisen.
Die sachverständige Bewertung muss deshalb auf technischen Tatsachen und nachvollziehbaren Schlussfolgerungen beruhen.
12. Kausalität zwischen Ursache und Motorschaden
Für die technische Beurteilung ist schließlich die Frage nach der Kausalität von besonderer Bedeutung.
Dabei wird geprüft, ob zwischen einem bestimmten Ereignis und dem eingetretenen Motorschaden ein nachvollziehbarer technischer Zusammenhang besteht.
Je besser diese Kette durch objektive Befunde belegt werden kann, desto belastbarer ist die sachverständige Ursachenbewertung.
13. Nicht jeder Fehler ist die Ursache des Motorschadens
Ein häufiger Fehler bei der Beurteilung von Motorschäden besteht darin, einen festgestellten Defekt automatisch als Schadensursache anzusehen.
Beispielsweise kann ein Fahrzeug einen elektronischen Fehlercode gespeichert haben. Dieser Fehlercode kann jedoch auch erst aufgrund des bereits vorhandenen mechanischen Schadens entstanden sein.
Ebenso kann ein verschlissenes Bauteil zwar beschädigt sein, ohne dass dieses Bauteil den ursprünglichen Schaden verursacht hat.
Deshalb ist zwischen
Schadensursache, Schadensauslöser, Schadensmechanismus und Schadensfolge
zu unterscheiden.
Diese Differenzierung ist insbesondere bei gerichtlichen Auseinandersetzungen von großer Bedeutung.
14. Bedeutung der Beweissicherung
Bei einem streitigen Motorschaden sollte eine Untersuchung möglichst durchgeführt werden, bevor der Motor repariert oder verschrottet wird.
Eine spätere Reparatur kann wichtige Spuren beseitigen.
Von besonderer Bedeutung sind daher:
fotografische Dokumentation,
Sicherung beschädigter Bauteile,
Dokumentation des Öl- und Kühlmittelzustands,
Sicherung von Fehlerspeicherdaten,
Dokumentation der Kilometerstände,
Laboruntersuchungen,
Messprotokolle und
nachvollziehbare Befunddokumentation.
Je früher eine fachgerechte Beweissicherung erfolgt, desto besser können die ursprünglichen Schadensmerkmale erhalten werden.
Ein qualifiziertes Motorgutachten sollte sich nicht darauf beschränken, lediglich festzustellen, dass ein Motor beschädigt ist.
Entscheidend ist vielmehr die technische Beantwortung der Frage:
Wie ist der Motorschaden entstanden?
Dazu müssen die einzelnen Befunde zusammengeführt, alternative Ursachen geprüft und der technische Schadensablauf nachvollziehbar dargestellt werden.
Das Ziel einer sachverständigen Untersuchung ist deshalb nicht lediglich die Beschreibung eines defekten Motors, sondern die technisch nachvollziehbare Ermittlung der wahrscheinlichsten Schadensursache.
Fazit
Die Ursache eines Motorschadens wird sachverständig nicht anhand eines einzelnen Merkmals festgestellt. Erforderlich ist vielmehr eine systematische Untersuchung des gesamten Schadensbildes.
Hierzu können je nach Schadensfall unter anderem
Sicht- und Befunduntersuchungen,
Endoskopie,
Kompressionsmessungen,
Druckverlustprüfungen,
Motoröluntersuchungen,
elektronische Diagnosen,
Bauteiluntersuchungen,
Messungen,
die Auswertung der Reparatur- und Wartungshistorie sowie
die Rekonstruktion des technischen Schadensablaufs
erforderlich sein.
Erst durch die Zusammenführung dieser Informationen lässt sich beurteilen, welche Ursache den Motorschaden ausgelöst hat und ob ein bestimmter technischer Zusammenhang nachvollziehbar und belegbar ist.
Gerade bei einem streitigen Motorschaden ist eine frühzeitige sachverständige Beweissicherung deshalb von großer Bedeutung. Sie kann entscheidend dazu beitragen, die technische Ursache des Schadens nachvollziehbar zu klären und die Grundlage für eine gerichtliche oder außergerichtliche Auseinandersetzung zu schaffen.