Kann falsches Motoröl einen Motorschaden verursachen?
Fachbeitrag von Dipl.-Ing. (FH) Jörg Schulz – Sachverständiger für Motorenschäden
Eine häufig unterschätzte Ursache für schwere Motorschäden
Motoröl hat wesentlich mehr Aufgaben, als lediglich bewegliche Motorteile zu schmieren. Es übernimmt unter anderem die Kühlung hoch belasteter Bauteile, den Schutz vor Verschleiß und Korrosion, die Abdichtung zwischen Kolben und Zylinderwand sowie den Transport von Verbrennungs- und Verschleißrückständen.
Wird ein Motoröl verwendet, das für den jeweiligen Motor nicht geeignet ist, kann dies unter bestimmten Betriebsbedingungen zu erheblichen technischen Problemen führen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
„Ist genügend Öl im Motor?“
Vielmehr muss gefragt werden:
„Entspricht das verwendete Motoröl tatsächlich den technischen Anforderungen des Motors?“
Ein falsches Motoröl kann – abhängig von Motorbauart, Betriebsbedingungen, Ölspezifikation und Schadensmechanismus – durchaus einen Motorschaden verursachen oder dessen Entstehung wesentlich begünstigen.
1. Was bedeutet überhaupt „falsches Motoröl“?
Der Begriff „falsches Motoröl“ wird im Alltag häufig zu pauschal verwendet.
Technisch können verschiedene Situationen dahinterstehen.
Ein Motoröl kann beispielsweise ungeeignet sein, weil
• die vorgeschriebene Viskosität nicht eingehalten wird,
• eine erforderliche Herstellerfreigabe fehlt,
• eine vorgeschriebene ACEA- oder API-Klassifikation nicht erfüllt wird,
• die Anforderungen eines Partikelfilters oder Abgasnachbehandlungssystems nicht berücksichtigt werden,
• die Additivierung nicht für den jeweiligen Motor geeignet ist,
• das Öl für einen anderen Motortyp vorgesehen ist,
• das Öl stark gealtert oder verunreinigt ist,
• Kraftstoff oder Kühlmittel in das Öl gelangt ist oder
• verschiedene Öle in einer technisch ungünstigen Weise miteinander vermischt wurden.
Dabei ist wichtig:
Nicht jede Abweichung von der ursprünglichen Ölfüllung führt automatisch zu einem Motorschaden.
Für eine fachgerechte Beurteilung muss immer untersucht werden, welche konkrete Abweichung vorlag und ob daraus ein technisch nachvollziehbarer Schadensmechanismus entstehen konnte.
2. Die Viskosität ist nicht das einzige entscheidende Kriterium
Auf Motorölflaschen finden sich Angaben wie beispielsweise:
0W-20, 5W-30, 5W-40 oder 10W-60.
Diese Angaben beschreiben bestimmte Eigenschaften des Öls hinsichtlich seines Fließverhaltens bei unterschiedlichen Temperaturen.
Allerdings bedeutet beispielsweise ein „5W-30“ nicht automatisch, dass jedes 5W-30-Öl für jeden Motor geeignet ist.
Entscheidend können zusätzlich vorgeschriebene Herstellerfreigaben und Spezifikationen sein.
Ein Motor kann beispielsweise ein Öl mit einer bestimmten Kombination aus
für eine technische Bewertung allein nicht ausreichend.
3. Was kann passieren, wenn das Öl zu zäh ist?
Wird ein Öl verwendet, dessen Viskosität für den Motor oder die Betriebsbedingungen ungeeignet ist, kann dies insbesondere beim Kaltstart von Bedeutung sein.
Ein zu zähes Öl kann dazu führen, dass
• das Öl langsamer an die Schmierstellen gelangt,
• der erforderliche Öldruck langsamer aufgebaut wird,
• die Reibungsverluste steigen,
• die mechanische Belastung des Antriebs zunimmt und
• der Motor beim Kaltstart stärker belastet wird.
Besonders kritisch können Bauteile sein, die bereits unmittelbar nach dem Start auf eine ausreichende Ölversorgung angewiesen sind.
Dazu gehören beispielsweise:
• Turbolader
• Nockenwellenlagerungen
• hydraulische Ventilspielausgleicher
• Steuerketten-Spanner
• Gleitlager
• variable Nockenwellenversteller
Ob daraus tatsächlich ein Schaden entsteht, hängt allerdings von zahlreichen weiteren Faktoren ab.
4. Was passiert bei einem zu dünnen Öl?
Auch eine zu geringe Viskosität kann problematisch sein.
Der Schmierfilm zwischen zwei gegeneinander bewegten Bauteilen muss unter den jeweiligen Betriebsbedingungen ausreichend tragfähig sein.
Wird diese Tragfähigkeit unterschritten, kann es zu verstärktem Metallkontakt kommen.
Allerdings darf auch hier nicht vorschnell von der Ölviskosität auf die Schadensursache geschlossen werden.
5. Die Herstellerfreigabe ist häufig entscheidender als die Viskosität
Ein besonders wichtiger Punkt wird bei der Beurteilung von Motorölschäden häufig übersehen:
Die Viskositätsangabe allein reicht nicht aus.
Zwei Motoröle mit identischer Viskosität können hinsichtlich ihrer technischen Eigenschaften erheblich voneinander abweichen.
Ein Fahrzeughersteller kann beispielsweise eine bestimmte Freigabe oder Spezifikation verlangen, weil das Motoröl bestimmte Anforderungen hinsichtlich
• Verschleißschutz
• Oxidationsstabilität
• Scherstabilität
• Reinigungswirkung
• Additivierung
• Hochtemperaturverhalten
• Abgasnachbehandlung
erfüllen muss.
Deshalb sollte bei einem Verdacht auf einen ölbedingten Motorschaden immer geprüft werden:
Welches Öl wurde tatsächlich eingefüllt und welche Spezifikation verlangt der Motorhersteller?
6. Moderne Motoren reagieren besonders empfindlich
Moderne Motoren arbeiten mit sehr kleinen Fertigungstoleranzen, hohen spezifischen Leistungen und teilweise extremen thermischen und mechanischen Belastungen.
Hinzu kommen Systeme wie:
• Turbolader
• variable Ventilsteuerungen
• hydraulische Kettenspanner
• Start-Stopp-Systeme
• Zylinderabschaltung
• Abgasrückführung
• Dieselpartikelfilter
• Ottopartikelfilter
• komplexe Abgasnachbehandlung
Das Motoröl muss deshalb nicht nur schmieren.
Es muss gleichzeitig mit zahlreichen technischen Systemen kompatibel sein.
7. Ein besonders kritischer Bereich: Turbolader
Turbolader gehören zu den hoch belasteten Komponenten eines Motors.
Die Turboladerwelle kann mit sehr hohen Drehzahlen betrieben werden. Gleichzeitig entstehen im Bereich der Turbine erhebliche Temperaturen.
Die Schmierung muss deshalb zuverlässig funktionieren.
Ein ungeeignetes Öl kann – abhängig vom konkreten Schadensmechanismus – zu Problemen führen, beispielsweise durch
• unzureichende Schmierung,
• unzureichende thermische Stabilität,
• Verkoken,
• Ablagerungen,
• erhöhten Verschleiß oder
• Beeinträchtigung der Ölversorgung.
Ein beschädigter Turbolader kann seinerseits weitere Schäden verursachen.
Bei einem Dieselmotor kann beispielsweise austretendes Motoröl über die Ansaugung in den Brennraum gelangen.
Deshalb muss bei einem Turboladerschaden immer untersucht werden, ob der Turbolader die Ursache des Schadens oder möglicherweise selbst nur die Folge eines anderen Problems war.
8. Ölverdünnung – ein unterschätztes Problem
Nicht immer ist das eingefüllte Öl selbst das Problem.
Auch eine Veränderung des Motoröls während des Betriebs kann zu erheblichen Problemen führen.
Ein Beispiel ist die Verdünnung des Motoröls mit Kraftstoff.
Dabei kann sich die Viskosität des Motoröls verändern.
Die Folge kann eine reduzierte Tragfähigkeit des Schmierfilms sein.
Mögliche Ursachen für eine Ölverdünnung sind unter anderem:
• häufige Kurzstrecken
• bestimmte Betriebszustände bei Dieselmotoren
• unterbrochene Regenerationsvorgänge
• Probleme bei der Kraftstoffaufbereitung
• technische Defekte im Einspritzsystem
Hier zeigt sich erneut, warum die bloße Feststellung „falsches Öl“ häufig zu kurz greift.
9. Kann eine Ölvermischung einen Motorschaden verursachen?
Das gelegentliche Nachfüllen eines anderen Motoröls bedeutet nicht automatisch, dass ein Motorschaden entsteht.
Trotzdem kann eine Vermischung unterschiedlicher Öle technisch relevant sein.
Dabei müssen unter anderem folgende Fragen berücksichtigt werden:
• Welche Öle wurden vermischt?
• Welche Spezifikationen besitzen sie?
• In welchem Verhältnis wurden sie vermischt?
• War das Fahrzeug bereits mit einem anderen Öl befüllt?
• Welche Herstelleranforderungen gelten?
• Welche Laufleistung wurde nach der Vermischung zurückgelegt?
Eine pauschale Aussage wie
„Zwei verschiedene Öle wurden gemischt, deshalb ist der Motor kaputt“
ist technisch nicht ausreichend.
10. Was passiert bei falscher Additivierung?
Motoröle enthalten ein komplexes Paket unterschiedlicher Additive.
Diese können unter anderem
• Verschleiß reduzieren,
• Ablagerungen verhindern,
• das Öl vor Oxidation schützen,
• Korrosion verhindern,
• Verunreinigungen in Schwebe halten und
• bestimmte Reibungseigenschaften beeinflussen.
Bei modernen Motoren müssen diese Eigenschaften auf die Konstruktion und die Abgasnachbehandlung abgestimmt sein.
Ein ungeeignetes Additivsystem kann deshalb langfristig zu Problemen führen.
Dabei ist jedoch zwischen einem möglichen Einfluss auf die Lebensdauer und einem konkret nachgewiesenen Motorschaden zu unterscheiden.
11. Wie lässt sich ein ölbedingter Motorschaden nachweisen?
Für einen Sachverständigen stellt sich nicht nur die Frage:
„Welches Öl wurde verwendet?“
Entscheidend ist:
„Kann dieses Öl unter den konkreten Betriebsbedingungen den festgestellten Schaden verursacht haben?“
Dafür muss eine technische Wirkungskette nachvollziehbar sein.
Beispielsweise:
ungeeignetes Motoröl
↓
veränderte Schmierbedingungen
↓
unzureichende Schmierfilmtragfähigkeit
↓
erhöhter Metallkontakt
↓
Lagerverschleiß
↓
Lagerschaden
↓
Folgeschäden an Kurbelwelle/Pleuel
↓
Motorausfall
Je besser die einzelnen Schritte durch technische Befunde belegt werden können, desto belastbarer ist die Kausalitätsbewertung.
12. Welche Befunde können auf einen Schmierungsmangel hinweisen?
Bei der Untersuchung eines Motors können verschiedene Befunde relevant sein.
Dazu gehören beispielsweise:
• eingelaufene Gleitlager
• Fressspuren
• Materialübertragungen
• Verfärbungen durch Überhitzung
• Riefen
• Laufspuren
• ungewöhnliche Verschleißbilder
• Schäden an der Kurbelwelle
• Schäden an Pleuellagern
• Ablagerungen
• verstopfte Ölkanäle
• Auffälligkeiten an der Ölpumpe
Entscheidend ist jedoch immer die Gesamtheit der Befunde.
Ein einzelnes Schadensmerkmal beweist die Ursache in der Regel nicht.
13. Motoröluntersuchung als zusätzliches Beweismittel
Bei strittigen Fällen kann eine Laboruntersuchung des Motoröls sinnvoll sein.
Dabei können – abhängig von der Fragestellung – beispielsweise untersucht werden:
• Viskosität
• Verschleißmetalle
• Verunreinigungen
• Kraftstoffanteile
• Kühlmittelbestandteile
• Oxidationszustand
• bestimmte Additive
Eine Ölanalyse kann wertvolle Hinweise liefern.
Sie sollte jedoch nicht isoliert betrachtet werden.
Für die Ursachenbewertung müssen Laborbefund und mechanische Schadensbilder miteinander in Beziehung gesetzt werden.
14. Beispiel: Pleuellagerschaden nach einem Ölwechsel
Ein Fahrzeug erhält einen Ölwechsel.
Nach relativ kurzer Laufleistung kommt es zu einem schweren Motorschaden. Ein Pleuellager ist stark beschädigt.
Die erste Vermutung lautet:
„Es wurde das falsche Motoröl eingefüllt.“
Für eine fachgerechte Untersuchung müssen nun zahlreiche Fragen beantwortet werden:
• Welches Öl wurde eingefüllt?
• Welche Spezifikation verlangt der Hersteller?
• Welche Menge wurde eingefüllt?
• Wurde der Ölfilter erneuert?
• Wurde der richtige Ölfilter verwendet?
• War der Öldruck ausreichend?
• Befanden sich Verunreinigungen im Öl?
• Wie sehen die übrigen Lager aus?
• Gibt es Hinweise auf Ölmangel?
• Gibt es Hinweise auf einen bereits vorhandenen Verschleiß?
• Wie viele Kilometer wurden nach dem Ölwechsel gefahren?
• Gab es vorher bereits Warnmeldungen oder Geräusche?
Erst die Gesamtheit dieser Informationen ermöglicht eine belastbare Bewertung.
15. Das Warnsignal „Öldruck“ darf nicht ignoriert werden
Eine aufleuchtende Öldruckwarnung ist grundsätzlich ernst zu nehmen.
Sie kann auf einen zu niedrigen Öldruck hinweisen.
Mögliche Ursachen können beispielsweise sein:
• zu niedriger Ölstand
• falsche Ölviskosität
• verschlissene Ölpumpe
• verstopftes Ölsieb
• verschmutzte Ölkanäle
• erhöhter Lagerspalt
• technische Defekte an der Druckregelung
Wird trotz einer Öldruckwarnung weitergefahren, kann sich ein zunächst begrenztes Problem zu einem schweren Motorschaden entwickeln.
16. Wer hat den Motorschaden verursacht?
Bei einem Streitfall ist diese Frage besonders relevant.
Eine technische Bewertung sollte nicht einfach auf zeitlichen Zusammenhängen beruhen.
Beispielsweise:
Ölwechsel → 300 km später Motorschaden
bedeutet nicht automatisch:
Ölwechsel → Ursache des Motorschadens
Ebenso wenig bedeutet es aber, dass ein Zusammenhang ausgeschlossen werden kann.
Entscheidend ist die technische Beweiskette.
Der Sachverständige muss deshalb untersuchen:
Welche Ursache kann den festgestellten Schadensmechanismus erklären?
und gleichzeitig:
Welche alternativen Ursachen können ausgeschlossen werden?
17. Was sollte ein Sachverständiger bei einem Verdacht auf falsches Motoröl untersuchen?
Eine umfassende Untersuchung kann insbesondere folgende Punkte umfassen:
1. Fahrzeug- und Motoridentifikation
2. Herstellervorgaben
3. Wartungs- und Reparaturhistorie
4. verwendetes Motoröl
5. Ölmenge
6. Ölfilter
7. Ölzustand
8. Fehlerspeicher
9. Ölversorgung
10. Öldruck
11. Ölpumpe
12. Ölkanäle
13. Lagerstellen
14. Kolben und Zylinder
15. Turbolader
16. Steuertrieb
17. thermische Schadensmerkmale
18. zeitlicher Ablauf
19. mögliche Alternativursachen
20. technische Kausalität
18. Der wichtigste Punkt: Nicht jeder Motorschaden nach einem Ölwechsel ist ein Ölschaden
Diese Aussage ist für die sachverständige Bewertung besonders wichtig.
Ein Motorschaden kann unmittelbar nach einer Wartung auftreten, ohne dass die Wartung die Ursache war.
Ein bereits vorhandener Schaden kann sich beispielsweise erst später bemerkbar machen.
Umgekehrt kann ein Fehler bei der Wartung selbstverständlich einen Motorschaden verursachen.
Beispiele wären:
• falsche Ölmenge
• falsches Öl
• fehlender Ölfilterwechsel
• fehlerhafte Montage
• Undichtigkeit
• nicht korrekt eingesetzte Dichtung
• beschädigte Ölversorgung
• falsche Befüllung
Deshalb muss jeder Fall individuell untersucht werden.
Fazit
Ja – falsches Motoröl kann einen Motorschaden verursachen.
Die Aussage ist jedoch technisch nur dann belastbar, wenn nachgewiesen werden kann, dass das verwendete Öl für den konkreten Motor ungeeignet war und dass daraus ein nachvollziehbarer Schadensmechanismus entstanden ist.
Entscheidend sind dabei nicht nur Viskosität und Markenname des Öls. Ebenso wichtig können Herstellerfreigaben, Spezifikationen, Additivierung, Betriebsbedingungen, Ölzustand und die konkrete Konstruktion des Motors sein.
Bei der sachverständigen Untersuchung muss deshalb die gesamte Wirkungskette betrachtet werden:
Erst wenn diese Zusammenhänge durch technische Befunde nachvollziehbar belegt werden können, lässt sich die Frage nach der Ursache eines Motorschadens fachgerecht beantworten.
Sachverständige Untersuchung von Motorschäden
Bei einem Streit über die Ursache eines Motorschadens ist eine unabhängige technische Untersuchung besonders dann sinnvoll, wenn die Ursache nicht eindeutig feststeht oder unterschiedliche technische Erklärungen möglich sind.