Kolbenfresser – wie entsteht er und was verrät das Schadensbild? - Motorensachverständiger, Motorengutachter, Motorschaden Sachverständiger, Motorschaden Gutachter
Ingenieurbüro für Verbrennungsmotoren GmbH
öffentlich bestellter und vereidigter Motorensachverständiger-Dipl. - Ing. (FH) Jörg Schulz
Kühlmittelverlust – wann entsteht daraus ein Motorschaden?
Fachbeitrag von Dipl.-Ing. (FH) Jörg Schulz – Sachverständiger für Motorenschäden
Ursachen, Schadensmechanismen und typische
Schadensbilder
Ein
Kühlmittelverlust gehört zu den häufigsten Ursachen für eine Überhitzung des
Verbrennungsmotors. Nicht jeder Verlust von Kühlmittel führt jedoch unmittelbar
zu einem Motorschaden. Entscheidend sind vielmehr Ursache, Menge und
Geschwindigkeit des Kühlmittelverlustes sowie die Dauer des Weiterbetriebs und
die thermische Belastung des Motors.
Aus
sachverständiger Sicht ist deshalb zwischen dem eigentlichen Kühlmittelverlust
und dem daraus möglicherweise entstehenden Folgeschaden zu unterscheiden. Für
die Beurteilung eines Motorschadens ist insbesondere die Frage zu klären, ob
der Kühlmittelverlust ursächlich für die eingetretene Beschädigung war oder ob
bereits ein anderer Schaden vorlag, der den Kühlmittelverlust erst verursacht
hat.
1. Aufgabe des Kühlsystems
Der
Verbrennungsmotor erzeugt während des Betriebs erhebliche Wärmemengen. Ein Teil
dieser Wärme entsteht unmittelbar durch die Verbrennung des
Kraftstoff-Luft-Gemisches, ein weiterer Teil durch Reibung und mechanische
Verluste.
Das
Kühlsystem hat die Aufgabe, die entstehende Wärme kontrolliert abzuführen und
den Motor innerhalb seines vorgesehenen Temperaturbereichs zu betreiben.
Zu den
wesentlichen Komponenten gehören:
Kühler
Wasserpumpe
Thermostat
Kühlmittelschläuche und
Leitungen
Ausgleichsbehälter
Kühlmittel
Kühlerlüfter
Wärmetauscher
Dichtungen
bei modernen Motoren
zusätzliche Kühlkreisläufe, beispielsweise für Abgasrückführung,
Turbolader oder Ladeluftkühlung.
Das
Kühlsystem arbeitet dabei nicht lediglich als „Wärmetransportsystem“. Es stellt
auch sicher, dass Zylinderkopf, Zylinder, Kolben, Ventile und weitere Bauteile
innerhalb ihrer zulässigen Temperaturbereiche betrieben werden.
2. Wie entsteht ein
Kühlmittelverlust?
Ein
Kühlmittelverlust kann verschiedene Ursachen haben. Für die Schadensanalyse ist
zunächst zwischen einem äußeren und einem inneren Kühlmittelverlust zu
unterscheiden.
Äußerer Kühlmittelverlust
Bei einem
äußeren Verlust tritt das Kühlmittel aus dem geschlossenen Kühlsystem nach
außen aus.
Typische
Ursachen sind:
beschädigte Kühlmittelschläuche
undichte Schlauchverbindungen
defekte Wasserpumpe
beschädigter Kühler
Riss im Ausgleichsbehälter
defekter Verschlussdeckel
undichte Flansche oder
Thermostatgehäuse
Korrosion an
Kühlmittelleitungen
beschädigte Dichtungen
Frost- oder mechanische Schäden
Undichtigkeiten an
Zusatzkühlkreisläufen.
Die
Austrittsmenge kann dabei von wenigen Tropfen bis zu einem vollständigen
Verlust des Kühlmittelinhalts reichen.
3. Innerer Kühlmittelverlust
Besonders
kritisch ist ein Kühlmittelverlust, bei dem das Kühlmittel nicht nach außen,
sondern in den Motor oder in einen anderen Flüssigkeitskreislauf gelangt.
Mögliche
Ursachen sind beispielsweise:
beschädigte
Zylinderkopfdichtung
Riss im Zylinderkopf
Riss im Motorblock
Undichtigkeit einer
Zylinderlaufbuchse
beschädigter Ansaugkrümmer bei
entsprechend ausgeführten Motoren
defekter
Abgasrückführungskühler
Undichtigkeiten an Öl- oder
Kühlmittelwärmetauschern.
Dabei können
unterschiedliche Schadensmechanismen entstehen.
Kühlmittel
kann beispielsweise:
in den
Brennraum gelangen
oder
in das
Motoröl gelangen.
Beide
Vorgänge können erhebliche Folgeschäden verursachen.
4. Wann wird Kühlmittelverlust
gefährlich?
Ein geringer
Kühlmittelverlust führt nicht zwangsläufig unmittelbar zu einem Motorschaden.
Entscheidend
ist, ob das Kühlsystem seine Kühlleistung noch aufrechterhalten kann.
Solange
ausreichend Kühlmittel vorhanden ist und die Wärmeabfuhr funktioniert, kann ein
kleiner Verlust unter Umständen zunächst ohne unmittelbar erkennbaren
Motorschaden bleiben.
Problematisch
wird die Situation, wenn der Kühlmittelstand so weit absinkt, dass:
die Kühlmittelzirkulation
beeinträchtigt wird,
Luft in das Kühlsystem gelangt,
die Wasserpumpe nicht mehr ausreichend
fördern kann,
einzelne Bereiche des Motors
nicht mehr ausreichend gekühlt werden,
die Temperatur des Motors über
den zulässigen Bereich ansteigt.
Ab diesem
Zeitpunkt kann sich innerhalb kurzer Zeit eine erhebliche thermische Belastung
entwickeln.
5. Die typische Schadenskette
Ein
Motorschaden infolge Kühlmittelverlustes entsteht häufig nach folgendem
technischen Ablauf:
Kühlmittelverlust
↓
Abnahme des
Kühlmittelstands
↓
Verringerung
der Kühlleistung
↓
lokale oder
allgemeine Temperaturerhöhung
↓
thermische
Überlastung von Bauteilen
↓
Verformung
bzw. Schädigung von Bauteilen
↓
Folgeschäden
↓
Motorschaden
Diese Kette
ist für eine sachverständige Ursachenanalyse besonders wichtig.
Denn der
Kühlmittelverlust selbst ist häufig noch nicht der eigentliche Motorschaden. Er
stellt vielmehr das auslösende Ereignis einer thermischen Schadenskette dar.
6. Warum kann ein Motor trotz
ausreichender Kühlmitteltemperatur beschädigt werden?
Ein
wichtiger Punkt bei der Schadensbegutachtung ist, dass die Anzeige der
Kühlmitteltemperatur nicht zwingend die tatsächliche Temperatur aller
Motorbauteile wiedergibt.
Die
Temperaturanzeige beziehungsweise der Temperaturwert des Motorsteuergerätes
wird an einer bestimmten Messstelle erfasst.
Bei einem
bereits erheblichen Kühlmittelverlust können jedoch lokal sehr hohe
Temperaturen auftreten.
Besonders
gefährdet sind beispielsweise:
Bereiche des Zylinderkopfes
zwischen den Ventilen
Auslassventilbereiche
Brennraumzonen
Zylinderkopfdichtung
Bereiche um die
Zylinderlaufbahnen
Turbolader
Abgaskrümmer.
Eine normale
oder nur gering erhöhte Temperaturanzeige schließt deshalb einen bereits
eingetretenen lokalen thermischen Schaden nicht grundsätzlich aus.
7. Typische Schäden durch
Überhitzung
Eine
Überhitzung kann unterschiedliche Bauteile des Motors beschädigen.
7.1 Zylinderkopfdichtung
Die
Zylinderkopfdichtung gehört zu den besonders gefährdeten Bauteilen.
Durch
unterschiedliche thermische Ausdehnung von Zylinderkopf und Motorblock können
hohe mechanische und thermische Belastungen entstehen.
Mögliche
Folgen:
Durchbrennen der
Zylinderkopfdichtung
Undichtigkeit zwischen
Brennraum und Kühlkreislauf
Kühlmittelverlust
Verbrennungsgase im Kühlsystem
Kühlmittel im Brennraum
Kühlmittel im Motoröl.
Damit kann
sich ein zunächst äußerer Kühlmittelverlust zu einem erheblich umfangreicheren
Motorschaden entwickeln.
8. Verformung des
Zylinderkopfes
Eine starke
oder ungleichmäßige Erwärmung kann zu einer Verformung des Zylinderkopfes
führen.
Besonders
kritisch sind Aluminium-Zylinderköpfe.
Durch die
thermische Belastung können entstehen:
Verzug
Undichtigkeiten
Rissbildung
Schäden an Ventilsitzen
Schäden im Bereich der
Brennräume.
Ein einmal
überhitzter Motor kann deshalb auch dann dauerhaft geschädigt sein, wenn er
anschließend wieder mit ausreichend Kühlmittel befüllt wird.
9. Rissbildung im Zylinderkopf
Bei
erheblichen Temperaturunterschieden können thermische Spannungen entstehen.
Diese können
insbesondere im Bereich von:
Ventilsitzen,
Einspritzdüsen,
Zündkerzen,
Auslasskanälen
zur
Rissbildung führen.
Bei modernen
Dieselmotoren sind die thermischen Belastungen des Zylinderkopfes aufgrund
hoher Verbrennungsdrücke und Temperaturen teilweise besonders hoch.
Ein Riss
kann wiederum einen internen Kühlmittelverlust verursachen.
Damit kann
ein sich selbst verstärkender Schadenskreislauf entstehen:
Eine
erhebliche Überhitzung kann auch den Kolben-Zylinder-Bereich betreffen.
Durch die
Temperaturerhöhung kann sich der Kolben stärker ausdehnen.
Verringert
sich dadurch das konstruktiv vorgesehene Laufspiel, kann es zu einer erhöhten
Reibung zwischen Kolben und Zylinderlaufbahn kommen.
Im
Extremfall entsteht ein:
Kolbenklemmer
oder Kolbenfresser.
Typische
Befunde können sein:
Fressspuren an der Zylinderlaufbahn
Riefen
Materialübertrag
Anlauffarben
beschädigte Kolbenringe
Kolbenhemdschäden
erhöhte Ölverbräuche nach dem
Schaden.
Bei der
Begutachtung muss allerdings sorgfältig zwischen einem durch Überhitzung
verursachten Kolbenfresser und anderen Ursachen, beispielsweise einer
unzureichenden Schmierung, unterschieden werden.
11. Gefahr für die Schmierung
Eine
Überhitzung kann auch das Motoröl erheblich belasten.
Mit
steigender Öltemperatur verändert sich die Viskosität des Motoröls. Unter
extremen thermischen Bedingungen kann die Tragfähigkeit des Schmierfilms
erheblich abnehmen.
Dadurch
können insbesondere hoch belastete Lagerstellen gefährdet werden.
Mögliche
Folgen:
Fressspuren an Gleitlagern
Pleuellagerschäden
Hauptlagerschäden
Materialübertrag
Verfärbungen der
Lageroberflächen
im Extremfall Lagerfresser und
Blockieren der Kurbelwelle.
Damit kann
aus einem zunächst thermischen Problem letztlich ein mechanischer Motorschaden
entstehen.
12. Kühlmittel im Motoröl
Besonders
kritisch ist ein innerer Kühlmittelverlust in den Ölkreislauf.
Gelangen
größere Mengen Kühlmittel in das Motoröl, können sich die
Schmierungseigenschaften erheblich verändern.
Mögliche
Folgen:
Verringerung der
Schmierfähigkeit
Veränderung der Viskosität
Bildung von Emulsionen
Korrosion
Beeinträchtigung der
Lagerstellen
Schäden an Kurbelwelle und
Gleitlagern.
Bei einer
sachverständigen Untersuchung kann eine Motorölanalyse zusätzliche Hinweise
liefern.
Dabei können
beispielsweise Wasseranteile sowie Verschleißmetalle untersucht werden.
Eine solche
Analyse ist allerdings stets im Zusammenhang mit den übrigen Befunden zu
bewerten. Ein erhöhter Wasseranteil allein beweist noch nicht automatisch einen
bestimmten Schadensmechanismus.
13. Kühlmittel im Brennraum
Noch
kritischer kann ein Eintritt von Kühlmittel in den Brennraum sein.
Bei
laufendem Motor kann das Kühlmittel teilweise verdampfen und mit dem Abgas
ausgestoßen werden.
Typische
Hinweise können sein:
weißer Abgasnebel
sinkender Kühlmittelstand
ungewöhnlicher Druckaufbau im
Kühlsystem
Fehlzündungen
unrunder Motorlauf
Zündaussetzer
Fehlerspeichereinträge.
Gelangen
größere Mengen Flüssigkeit in den Brennraum, kann unter bestimmten Bedingungen
eine Flüssigkeitssperre beziehungsweise ein hydraulischer Blockiereffekt
entstehen.
Da
Flüssigkeiten nahezu nicht komprimierbar sind, können dabei erhebliche
mechanische Kräfte entstehen.
Mögliche
Folgen sind:
verbogene Pleuel
Kolbenschäden
Schäden an
Kurbeltriebskomponenten.
14. Überhitzung und
Turboladerschäden
Auch der
Turbolader kann durch eine thermische Überlastung des Motors beziehungsweise
durch unzureichende Kühlung betroffen sein.
Dies gilt
insbesondere für wassergekühlte Turbolader.
Mögliche
Folgen sind:
Überhitzung der Lagerstellen
Beeinträchtigung der Schmierung
Verkokung von Ölresten
Lagerschäden
Wellenschäden.
Bei einer
Schadensbegutachtung ist deshalb zu prüfen, ob der Turboladerschaden Ursache
oder Folge der thermischen Belastung war.
15. Warnmeldung ignoriert –
welche Bedeutung hat das?
Moderne
Fahrzeuge verfügen über verschiedene Überwachungssysteme.
Je nach
Fahrzeug können beispielsweise folgende Warnungen auftreten:
Kühlmittelstand zu niedrig
Kühlmitteltemperatur zu hoch
Motortemperatur
Motorleistung reduziert
Motor abstellen.
Eine
Warnmeldung ist aus technischer Sicht ein wichtiger Hinweis darauf, dass ein
abnormaler Betriebszustand erkannt wurde.
Wird der
Motor trotz einer eindeutigen Warnung weiter betrieben, kann sich ein zunächst
begrenzter Schaden erheblich vergrößern.
Für die
gutachterliche Beurteilung ist deshalb zu klären:
Wann trat die Warnung erstmals
auf?
Welche Warnmeldung wurde
angezeigt?
Wie lange wurde anschließend
weitergefahren?
Welche Strecke wurde
zurückgelegt?
Unter welcher Motorbelastung
wurde weitergefahren?
Welche Temperaturen wurden
tatsächlich erfasst?
Welche Schäden waren zu diesem
Zeitpunkt bereits vorhanden?
16. Nicht jeder
Kühlmittelverlust verursacht den Motorschaden
Bei einer
Schadensbegutachtung ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich:
Der
Kühlmittelverlust kann Ursache, Folge oder Begleiterscheinung des Motorschadens
sein.
Beispiel:
Ein
beschädigter Kühlschlauch verliert Kühlmittel.
→ Der
Kühlmittelstand sinkt.
→ Der Motor
überhitzt.
→ Die
Zylinderkopfdichtung wird beschädigt.
→ Der Motor
nimmt einen Folgeschaden.
In diesem
Fall wäre der Kühlmittelverlust ein auslösendes Ereignis.
Anders kann
der Ablauf aussehen:
Zylinderkopfdichtung
wird beschädigt.
→
Verbrennungsgase gelangen in das Kühlsystem.
→ Kühlmittel
wird verdrängt beziehungsweise ausgestoßen.
→
Kühlmittelstand sinkt.
→ Der Motor
überhitzt.
Hier wäre
der Kühlmittelverlust bereits Folge eines bestehenden Motorschadens.
Diese
Unterscheidung ist für die Beurteilung der technischen Kausalität von
entscheidender Bedeutung.
17. Welche Untersuchungen sind
bei einem vermuteten Kühlmittelverlust sinnvoll?
Eine
belastbare Schadensanalyse sollte nicht allein auf äußeren Feststellungen
beruhen.
Je nach
Schadensbild kommen unter anderem folgende Untersuchungen infrage:
Sichtprüfung
Kühlmittelstand
Kühlmittelzustand
Leckagespuren
kristallisierte
Kühlmittelrückstände
beschädigte Schläuche
Kühler
Wasserpumpe
Thermostatgehäuse
Ausgleichsbehälter.
Druckprüfung des Kühlsystems
Durch eine
Druckprüfung können Undichtigkeiten des Kühlsystems festgestellt werden.
Prüfung auf Verbrennungsgase
Ein Nachweis
von Verbrennungsgasen im Kühlsystem kann Hinweise auf eine Undichtigkeit
zwischen Brennraum und Kühlkreislauf geben.
Endoskopische Untersuchung
Eine
Endoskopie kann Hinweise liefern auf:
Kühlmitteleintritt in einzelne
Zylinder
ungewöhnliche
Verbrennungsbilder
Kolbenschäden
Laufbahnschäden
thermische Auffälligkeiten.
Kompressionsprüfung
Die Messung
der Kompression kann Hinweise auf Undichtigkeiten im Bereich von:
Zylinderkopfdichtung
Ventilen
Kolbenringen
Zylinderlaufbahn
geben.
Druckverlustprüfung
Mit einer
Druckverlustprüfung lässt sich genauer feststellen, an welcher Stelle Druck aus
dem Brennraum entweicht.
Motorölanalyse
Bei Verdacht
auf Kühlmitteleintrag in das Motoröl kann eine Laboranalyse zusätzliche
Informationen liefern.
18. Welche Befunde sprechen
für eine thermische Überlastung?
Typische
Befunde können – abhängig vom konkreten Motor – beispielsweise sein:
Verfärbungen von Bauteilen
thermische Anlauffarben
verformte Bauteile
Rissbildung
Schäden an der
Zylinderkopfdichtung
verzogener Zylinderkopf
Kolbenfressspuren
beschädigte Kolbenringe
Lagerschäden
starke Ölverkokungen
ungewöhnliche Ablagerungen.
Keiner
dieser Befunde sollte jedoch isoliert betrachtet werden.
Eine
sachverständige Beurteilung muss vielmehr die gesamte Schadenskette
berücksichtigen.
19. Entscheidend ist die
zeitliche Abfolge
Bei der
Ursachenanalyse eines Motorschadens ist die zeitliche Abfolge von besonderer
Bedeutung.
Eine
typische Fragestellung lautet:
Was war
zuerst vorhanden – der Kühlmittelverlust oder der Motorschaden?
Hierzu
können beispielsweise folgende Informationen ausgewertet werden:
Werkstattrechnungen
Wartungsunterlagen
Fehlerspeicher
Freeze-Frame-Daten
Fahrzeugdiagnose
Temperaturdaten
Fotos
Aussagen des Fahrers
Abschleppberichte
Pannenberichte
Reparaturhistorie
Motorölanalyse
Befund der zerlegten
Motorkomponenten.
Erst aus der
Kombination dieser Informationen lässt sich die technische Kausalität belastbar
beurteilen.
20. Sachverständige Bewertung
der Kausalität
Bei einem
Motorschaden infolge Kühlmittelverlustes ist zwischen mehreren Ebenen zu
unterscheiden:
Stufe 1 – Festgestellter Kühlmittelverlust
Es wird
festgestellt, dass das Kühlsystem eine Undichtigkeit aufweist oder Kühlmittel
fehlt.
Stufe 2 – Technische Auswirkung
Es wird
festgestellt, dass der Kühlmittelverlust zu einer Beeinträchtigung der Kühlung
geführt hat.
Stufe 3 – Thermische Überlastung
Es liegen
Befunde vor, die eine Überhitzung oder zumindest eine erhebliche thermische
Belastung des Motors plausibel machen.
Stufe 4 – Konkreter Schadensmechanismus
Es kann
nachvollziehbar dargestellt werden, wie die thermische Belastung den
festgestellten Schaden verursacht hat.
Stufe 5 – Technische Kausalität
Die
festgestellten Befunde sind mit hinreichender technischer Wahrscheinlichkeit
auf den Kühlmittelverlust zurückzuführen.
Diese
differenzierte Betrachtung ist insbesondere bei gerichtlichen Gutachten von
Bedeutung.
21. Fazit
Ein
Kühlmittelverlust führt nicht zwangsläufig zu einem Motorschaden.
Entscheidend
sind insbesondere:
Menge des Kühlmittelverlustes
Geschwindigkeit des Verlustes
Belastungszustand des Motors
Dauer des Weiterbetriebs
tatsächlich erreichte
Temperaturen
Reaktion auf Warnmeldungen
Art der vorhandenen
Undichtigkeit
bereits vorhandene Vorschäden.
Aus einem
zunächst kleinen Kühlmittelverlust kann jedoch innerhalb kurzer Zeit eine
erhebliche Schadenskette entstehen:
Für die
sachverständige Beurteilung ist deshalb nicht allein festzustellen, dass
Kühlmittel fehlte, sondern insbesondere, warum Kühlmittel fehlte, wann der Verlust
einsetzte, welche thermischen Folgen daraus entstanden und ob diese Folgen den
konkret festgestellten Motorschaden erklären können.
Gerade die
Abgrenzung zwischen Ursache und Folge ist dabei von zentraler Bedeutung.