Kolbenfresser – wie entsteht er und was verrät das Schadensbild? - Motorensachverständiger, Motorengutachter, Motorschaden Sachverständiger, Motorschaden Gutachter
Ingenieurbüro für Verbrennungsmotoren GmbH
öffentlich bestellter und vereidigter Motorensachverständiger-Dipl. - Ing. (FH) Jörg Schulz
Motor überholt und trotzdem Motorschaden – wie wird die Qualität einer Motorüberholung beurteilt?
Fachbeitrag von Dipl.-Ing. (FH) Jörg Schulz – Sachverständiger für Motorenschäden
Wenn der überholte Motor erneut ausfällt
Eine Motorüberholung ist technisch aufwendig und mit erheblichen Kosten verbunden. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn ein überholter Motor bereits nach kurzer Laufleistung erneut Probleme bereitet oder sogar einen schweren Motorschaden erleidet.
Dann stellen sich für den Fahrzeughalter, die Werkstatt oder den Auftraggeber wichtige Fragen:
Wurde der Motor tatsächlich fachgerecht überholt?
Wurden alle erforderlichen Arbeiten durchgeführt?
Wurden die richtigen Ersatzteile verwendet?
Wurden die vorgeschriebenen Maße und Toleranzen eingehalten?
Und vor allem:
Steht der spätere Motorschaden in einem technischen Zusammenhang mit der Motorüberholung?
Die Beantwortung dieser Fragen erfordert häufig eine detaillierte technische Untersuchung.
Dabei reicht es nicht aus, lediglich den erneuten Motorschaden festzustellen.
Es muss vielmehr geprüft werden, welche Arbeiten bei der Motorüberholung durchgeführt wurden, in welchem technischen Zustand sich die Bauteile befanden und ob die ausgeführten Arbeiten den technischen Anforderungen entsprachen.
1. Was bedeutet überhaupt „Motorüberholung“?
Der Begriff Motorüberholung ist im Alltag nicht immer eindeutig definiert.
Unter einer Motorüberholung können – abhängig vom Umfang – sehr unterschiedliche Arbeiten verstanden werden.
Beispielsweise können durchgeführt werden:
vollständige Demontage des Motors
Reinigung der Bauteile
Vermessung
Bearbeitung der Zylinder
Honen
Schleifen der Kurbelwelle
Erneuerung der Kolben
Erneuerung der Kolbenringe
Erneuerung der Hauptlager
Erneuerung der Pleuellager
Erneuerung von Dichtungen
Überarbeitung des Zylinderkopfes
Erneuerung von Ventilen
Erneuerung der Steuerkette
Erneuerung der Ölpumpe
Prüfung des Kühlsystems
Eine sogenannte „Motorüberholung“ kann daher einen sehr unterschiedlichen technischen Umfang haben.
Für die sachverständige Bewertung muss zunächst geklärt werden:
Welche Arbeiten wurden tatsächlich beauftragt und durchgeführt?
2. Eine Motorüberholung ist mehr als der Austausch einzelner Teile
Ein häufiger Irrtum besteht darin, eine Motorüberholung lediglich als Austausch verschlissener Bauteile zu betrachten.
Ein Beispiel:
Ein Motor erhält neue Kolben und neue Lager.
Damit ist noch nicht automatisch sichergestellt, dass der Motor fachgerecht überholt wurde.
Entscheidend ist beispielsweise auch:
Sind die Zylinder maßhaltig?
Wurde das richtige Laufspiel hergestellt?
Sind die Lagerluft und Kurbelwellenmaße korrekt?
Wurden die Ölkanäle gereinigt?
Wurde die Kurbelwelle geprüft?
Wurde der Zylinderkopf korrekt bearbeitet?
Wurde der Steuertrieb richtig eingestellt?
Die Qualität einer Motorüberholung hängt deshalb vom gesamten technischen Prozess ab.
3. Der erste Schritt: Dokumentation des Ausgangszustands
Für eine hochwertige Motorüberholung ist die Dokumentation des Ausgangszustands von großer Bedeutung.
Vor der Demontage sollten – soweit möglich – relevante Befunde dokumentiert werden.
Dazu können gehören:
Laufleistung
Kompressionswerte
Öldruck
Ölverbrauch
Fehlerspeicher
Motorgeräusche
Zustand des Motoröls
Kühlmittelzustand
sichtbare Schäden
Endoskopiebefunde
Diese Informationen können später wichtig sein, um den Zustand vor der Überholung mit dem Zustand nach der Überholung zu vergleichen.
4. Vermessung statt bloßer Sichtprüfung
Eine wesentliche Grundlage einer Motorüberholung ist die technische Vermessung.
Ein Bauteil kann äußerlich unauffällig aussehen und dennoch außerhalb der zulässigen Toleranzen liegen.
Beispiele sind:
Zylinderbohrung
Kolbendurchmesser
Kurbelwellenzapfen
Lagerdurchmesser
Lagerluft
Kolbenringstoß
Zylinderkonizität
Zylinderovalität
Planheit von Dichtflächen
Deshalb gilt:
Eine fachgerechte Motorüberholung erfordert bei den relevanten Bauteilen eine Prüfung von Maßhaltigkeit und Toleranzen.
5. Die Zylinderbearbeitung
Bei einer Motorüberholung können die Zylinder je nach Zustand bearbeitet werden.
Mögliche Arbeiten sind beispielsweise:
Honen
Aufbohren
Nachbearbeitung
Herstellung einer definierten Oberflächenstruktur
Dabei müssen die vorgesehenen Maße und Oberflächenanforderungen eingehalten werden.
Besonders relevant sind:
Durchmesser
Rundheit
Konizität
Oberflächenstruktur
Laufspiel
Eine fehlerhafte Zylinderbearbeitung kann beispielsweise zu Problemen bei
Kolbenlauf
Schmierung
Kolbenringabdichtung
Ölverbrauch
führen.
6. Das richtige Kolbenspiel
Das Laufspiel zwischen Kolben und Zylinder muss innerhalb des konstruktiv vorgesehenen Bereichs liegen.
Ist das Spiel zu klein, kann es bei Betriebstemperatur zu einem Fressvorgang kommen.
Möglicher Schadensablauf:
zu geringes Kolbenspiel
↓
thermische Ausdehnung
↓
Kontakt zwischen Kolben und Zylinder
↓
Fressspuren
↓
Kolbenklemmer
↓
Kolbenfresser
Ist das Spiel dagegen zu groß, können unter anderem
Geräusche
erhöhter Ölverbrauch
Blow-by
verstärkter Verschleiß
auftreten.
Die Vermessung des Kolbens und der Zylinder ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der technischen Bewertung.
7. Kurbelwelle und Lagerung
Die Kurbelwelle ist eines der zentralen Bauteile des Motors.
Bei einer Überholung muss geprüft werden, ob die Lagerzapfen innerhalb der vorgesehenen Toleranzen liegen.
Bei einer Bearbeitung der Kurbelwelle ist beispielsweise relevant:
Durchmesser
Rundheit
Oberflächenzustand
Maßhaltigkeit
Freigängigkeit
Position der Ölbohrungen
Werden Lagerzapfen bearbeitet, müssen die dazu passenden Lagerschalen verwendet werden.
Eine falsche Kombination aus Kurbelwellenmaß und Lager kann die vorgesehene Lagerluft verändern.
8. Lagerluft – kleine Abweichung, große Wirkung
Die richtige Lagerluft ist für die Funktion eines Gleitlagers von erheblicher Bedeutung.
Ist die Lagerluft zu gering, kann die Schmierung beeinträchtigt werden.
Ist sie zu groß, kann es zu erhöhtem Ölaustritt an der Lagerstelle und damit zu Veränderungen der Druckverhältnisse kommen.
Ein möglicher Schadensablauf bei einer zu kleinen Lagerluft:
falsche Lagerluft
↓
Schmierfilm wird beeinträchtigt
↓
Reibung steigt
↓
Temperatur steigt
↓
Lager wird beschädigt
↓
Pleuellagerschaden
↓
Kurbelwelle wird beschädigt
Hier kann ein Fehler bei der Motorüberholung unmittelbar mit einem späteren Motorschaden zusammenhängen.
9. Die Bedeutung der richtigen Lagerschalen
Lagerschalen können sich hinsichtlich
Abmessungen
Wandstärke
Beschichtung
konstruktiver Ausführung
unterscheiden.
Bei bestimmten Motoren können unterschiedliche Lagerklassen oder Maßstufen vorgesehen sein.
Deshalb muss geprüft werden:
Welche Lagerschalen wurden verwendet?
und:
Passen diese zum tatsächlichen Maß der Kurbelwelle?
Eine optisch passende Lagerschale ist nicht automatisch technisch die richtige.
10. Pleuel und Pleuellager
Auch die Pleuel müssen bei einer Motorüberholung überprüft werden.
Relevant können sein:
Pleuelgeometrie
Lageraufnahme
Pleuelauge
Pleuelbolzen
Pleueldeckel
Schrauben
Lagerluft
Bei einer fehlerhaften Montage oder einer nicht eingehaltenen Lagerluft kann ein Pleuellagerschaden entstehen.
Das spätere Schadensbild muss dann mit den bei der Überholung vorgenommenen Arbeiten verglichen werden.
11. Anzugsdrehmomente und Montageverfahren
Bei der Montage eines Motors müssen zahlreiche Schraubverbindungen nach definierten Verfahren hergestellt werden.
Dazu können je nach Konstruktion gehören:
bestimmtes Anzugsdrehmoment
Drehwinkel
definierte Anzugsreihenfolge
neue Dehnschrauben
Ein nicht eingehaltenes Montageverfahren kann die Funktion eines Bauteils beeinträchtigen.
Dies betrifft beispielsweise:
Pleuelschrauben
Hauptlagerschrauben
Zylinderkopfschrauben
Schwungradbefestigung
Steuertrieb
Bei einem späteren Motorschaden können deshalb auch die verwendeten Schrauben und deren Montagezustand von Interesse sein.
12. Zylinderkopf und Ventiltrieb
Eine Motorüberholung kann auch eine Bearbeitung des Zylinderkopfes umfassen.
Zu prüfen sind beispielsweise:
Dichtfläche
Ventile
Ventilsitze
Ventilführungen
Nockenwellen
Lagerstellen
Ventilspiel
Steuerzeiten
Fehlerhafte Arbeiten können beispielsweise zu
Kompressionsverlust
Ventilschäden
Überhitzung
Ölverbrauch
unzureichender Verbrennung
führen.
13. Steuerzeiten nach einer Motorüberholung
Werden Steuerkette, Zahnriemen oder andere Komponenten des Steuertriebs erneuert, muss die korrekte Einstellung der Steuerzeiten sichergestellt werden.
Eine fehlerhafte Einstellung kann zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Motorbetriebs führen.
Bei bestimmten Motorkonstruktionen kann es zu einer Kollision zwischen Ventil und Kolben kommen.
Mögliche Folgen:
verbogene Ventile
beschädigte Kolben
Schäden am Zylinderkopf
im Extremfall schwerer Motorschaden
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung ist der Steuertrieb deshalb häufig ein wichtiger Untersuchungsbereich.
14. Die Ölversorgung nach einer Motorüberholung
Die Schmierung spielt nach einer Motorüberholung eine besonders wichtige Rolle.
Vor der Inbetriebnahme müssen beispielsweise
Ölversorgung
Ölfilter
Ölpumpe
Ölkanäle
Ölfüllmenge
berücksichtigt werden.
Nach der Überholung können sich beispielsweise Bearbeitungs- oder Montageverunreinigungen im Motor befinden.
Eine fachgerechte Reinigung und Kontrolle der Ölkanäle ist deshalb von großer Bedeutung.
15. Fremdkörper im Ölkreislauf
Metallspäne oder andere Verunreinigungen können während einer Motorüberholung entstehen oder in das System gelangen.
Wenn diese nicht vollständig entfernt werden, können sie später in den Schmierkreislauf gelangen.
Mögliche Folgen:
Fremdpartikel
↓
Schmierstelle wird beschädigt
↓
Lager-/Bauteilverschleiß
↓
Metallabrieb
↓
weitere Verunreinigung
↓
Folgeschäden
Bei einem Motorschaden kurz nach einer Überholung sollte deshalb auch der Zustand des Ölkreislaufs untersucht werden.
16. Ölpumpe und Kolbenkühlung
Bei bestimmten Motoren sind die Ölpumpe und die Kolbenkühlung für die zuverlässige Funktion besonders relevant.
Wird die Ölpumpe nicht überprüft oder weist sie bereits Verschleiß auf, kann dies nach der Überholung zu Problemen mit der Ölversorgung führen.
Auch eine fehlerhafte Kolbenkühlung kann die thermische Belastung der Kolben beeinflussen.
Bei einem entsprechenden Schadensbild muss daher untersucht werden, ob diese Systeme ordnungsgemäß funktionieren konnten.
17. Dichtungen und Montagezustand
Bei einer Motorüberholung werden zahlreiche Dichtungen erneuert.
Dabei können Fehler beispielsweise durch
falsche Dichtung
beschädigte Dichtung
falsche Einbaulage
nicht eingehaltene Montagevorgaben
Dichtmittelreste
entstehen.
Eine fehlerhafte Abdichtung kann beispielsweise zu
Ölverlust
Kühlmittelverlust
Öl-/Kühlmittelvermischung
führen.
Diese wiederum können Folgeschäden verursachen.
18. Das Kühlsystem darf nicht vergessen werden
Ein überholter Motor benötigt eine funktionierende Kühlung.
Deshalb sollte je nach Umfang der Arbeiten geprüft werden:
Kühler
Wasserpumpe
Thermostat
Kühlmittelleitungen
Kühlmittelkreislauf
Dichtheit
Ein Defekt im Kühlsystem kann zu einer Überhitzung führen.
Die Überhitzung kann wiederum
Kolben
Zylinderkopf
Zylinderkopfdichtung
Lager
Dichtflächen
schädigen.
19. Einfahrphase nach der Motorüberholung
Nach einer Motorüberholung können besondere Betriebsbedingungen während der ersten Betriebsphase relevant sein.
Dabei können beispielsweise
Kolbenringe
Zylinderlaufbahnen
Lager
Dichtflächen
einen Einlaufprozess durchlaufen.
Welche Vorgaben dabei gelten, hängt von Motor, Bauteilen und Hersteller- bzw. Instandsetzungskonzept ab.
Für die technische Bewertung eines Schadens kann deshalb relevant sein:
Wie wurde der Motor nach der Überholung betrieben?
20. Motorschaden bereits nach wenigen Kilometern
Ein Motorschaden unmittelbar nach einer Überholung ist besonders auffällig.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Überholung fehlerhaft war.
Es müssen beispielsweise folgende Fragen untersucht werden:
Welche Bauteile wurden überholt?
Welche wurden nicht bearbeitet?
Welche Teile wurden ersetzt?
War der Schaden bereits vor der Überholung angelegt?
Ist der Schaden auf einen bearbeiteten Bereich zurückzuführen?
Gibt es Hinweise auf einen Montagefehler?
Gab es einen Bedienungs- oder Betriebsfehler?
Ist ein Fremdkörper vorhanden?
Wurde der Motor korrekt befüllt und gestartet?
Erst diese Gesamtbetrachtung ermöglicht eine belastbare Bewertung.
21. Vorschaden oder Fehler der Überholung?
Ein Motor kann vor der Überholung bereits erhebliche Vorschäden aufweisen.
Beispielsweise:
Riss
Materialermüdung
Vorschädigung der Kurbelwelle
beschädigtes Pleuel
thermische Vorschädigung
übermäßiger Verschleiß
Wenn ein solcher Vorschaden bei der Überholung nicht erkannt wird, kann später ein Motorschaden auftreten.
Dann muss untersucht werden:
War der Vorschaden bei fachgerechter Untersuchung erkennbar und hätte er im Rahmen der Überholung berücksichtigt werden müssen?
Diese Frage kann für die technische Bewertung entscheidend sein.
22. Der Umfang der Überholung ist entscheidend
Nicht jede Motorüberholung umfasst dieselben Arbeiten.
Ein Auftrag kann beispielsweise nur
„Erneuerung der Kolbenringe“
umfassen.
Eine andere Werkstatt kann dagegen eine
vollständige Motorinstandsetzung
durchführen.
Deshalb muss immer zunächst geklärt werden:
Welcher Leistungsumfang war vereinbart?
Erst danach kann beurteilt werden, welche Prüfungen und Arbeiten technisch zu erwarten waren.
23. Was bedeutet „fachgerecht“?
Bei der sachverständigen Bewertung muss zwischen verschiedenen Aspekten unterschieden werden.
Zu betrachten sind beispielsweise:
anerkannte technische Regeln
Herstellervorgaben
technische Dokumentation
vorgeschriebene Maße
Toleranzen
Montageverfahren
verwendete Ersatzteile
konkrete Aufgabenstellung
Die Frage lautet deshalb nicht nur:
„Läuft der Motor?“
Sondern:
„Entspricht die Ausführung der durchgeführten Arbeiten den technischen Anforderungen an eine fachgerechte Instandsetzung?“
24. Welche Unterlagen sind für die Untersuchung wichtig?
Bei einem Streit über eine Motorüberholung sollten möglichst viele Unterlagen gesichert werden.
Besonders hilfreich sind:
Auftrag
Rechnung
Arbeitsbericht
Teilelisten
Ersatzteilnummern
Messprotokolle
Fotos
Angaben zur Motorbearbeitung
Angaben zur Kurbelwellenbearbeitung
Angaben zur Zylinderbearbeitung
Herstellerunterlagen
technische Daten
Öl- und Filterdaten
Auch die Kommunikation zwischen Auftraggeber und Werkstatt kann wichtige Informationen über den vereinbarten Reparaturumfang enthalten.
25. Warum Rechnungen allein nicht immer ausreichen
Eine Rechnung kann zwar dokumentieren, welche Positionen berechnet wurden.
Sie sagt jedoch nicht zwingend aus, welche technische Arbeit tatsächlich durchgeführt wurde oder welche Arbeitsschritte im Detail vorgenommen wurden.
Für die sachverständige Bewertung können deshalb zusätzliche Nachweise erforderlich sein.
Beispielsweise:
Messprotokolle
Maschinenprotokolle
Fotos
Arbeitsdokumentation
Teilekennzeichnungen
26. Welche Bauteile sollten bei einem Motorschaden erhalten bleiben?
Bei einem streitigen Schaden sollten die ausgebauten Teile möglichst nicht entsorgt werden.
Besonders wichtig können sein:
Kolben
Kolbenringe
Lagerschalen
Kurbelwelle
Pleuel
Zylinderkopf
Ventile
Steuertrieb
Ölpumpe
Ölfilter
Diese Bauteile können später wichtige Hinweise auf die Schadensursache liefern.
27. Beweissicherung vor der Zerlegung
Wenn ein überholter Motor erneut einen schweren Schaden erleidet, sollte möglichst vor einer weiteren Reparatur eine technische Beweissicherung erfolgen.
Dabei können beispielsweise dokumentiert werden:
Ölstand
Ölzustand
Kühlmittelstand
Fehlerspeicher
äußere Schäden
Montagezustand
Schadensspuren
Einbaulage
Betriebszustand
Anschließend kann die Zerlegung kontrolliert und dokumentiert erfolgen.
28. Beispiel: Pleuellagerschaden nach Motorüberholung
Ein Motor wurde vollständig überholt.
Nach nur wenigen hundert Kilometern tritt ein schwerer Pleuellagerschaden auf.
Bei der Untersuchung werden folgende Befunde festgestellt:
starke Fressspuren am Pleuellager
Beschädigung des Kurbelwellenzapfens
ungewöhnliche Lagerabmessungen
Auffälligkeiten an der Lagerstelle
Jetzt stellen sich beispielsweise folgende Fragen:
Welche Lager wurden verwendet?
Welche Maße hatte die Kurbelwelle?
Wurde die Kurbelwelle bearbeitet?
Welche Lagerluft wurde hergestellt?
Wurde die Lagerluft tatsächlich gemessen?
Wurden die richtigen Lagerschalen verwendet?
Wurden die Pleuelschrauben korrekt montiert?
Erst die Beantwortung dieser Fragen kann zeigen, ob ein Zusammenhang mit der Motorüberholung besteht.
29. Beispiel: Kolbenfresser nach Motorüberholung
Ein Motor wird überholt und erhält neue Kolben.
Nach kurzer Laufleistung tritt ein Kolbenfresser auf.
Bei der Untersuchung zeigen sich deutliche Fressspuren.
Nun muss beispielsweise untersucht werden:
Welches Laufspiel wurde hergestellt?
Welche Kolben wurden verwendet?
Welche Zylindermaße liegen vor?
Wurde die Zylinderbearbeitung fachgerecht durchgeführt?
Ist die Honstruktur korrekt?
Gibt es Hinweise auf Überhitzung?
War die Kolbenkühlung funktionsfähig?
Gab es Schmierungsprobleme?
Ein Fressschaden allein beantwortet die Frage nach der Ursache nicht.
30. Beispiel: Motorschaden nach Zylinderkopfüberholung
Ein Zylinderkopf wurde überholt.
Nach kurzer Laufleistung tritt ein Motorschaden auf.
Zu untersuchen sind beispielsweise:
Ventilsitze
Ventilführungen
Ventile
Dichtfläche
Steuerzeiten
Zylinderkopfdichtung
Anzugsverfahren
Kühlmittelkreislauf
Auch hier muss die technische Wirkungskette zwischen der ausgeführten Arbeit und dem späteren Schaden nachvollziehbar sein.
31. Ursache – Primärschaden – Folgeschaden
Bei einer Motorüberholung ist diese Unterscheidung besonders wichtig.
Beispielsweise:
fehlerhafte Lagerluft
↓
Pleuellagerschaden
↓
Kurbelwellenschaden
↓
Pleuelabriss
↓
Beschädigung des Motorblocks
Der am Ende sichtbar zerstörte Motorblock ist dann möglicherweise nur der Folgeschaden.
Die eigentliche Ursache liegt möglicherweise in einem Fehler bei der Instandsetzung.
32. Was sollte ein Sachverständigengutachten beantworten?
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung können insbesondere folgende Fragen relevant sein:
Welcher Motorschaden liegt vor?
Welches Bauteil hat zuerst versagt?
Wie ist der Schadensmechanismus?
Welche Arbeiten wurden im Rahmen der Überholung durchgeführt?
Welche Bauteile wurden erneuert?
Welche Bauteile wurden bearbeitet?
Welche Bauteile wurden nicht bearbeitet?
Wurden die relevanten Maße und Toleranzen eingehalten?
Wurden geeignete Ersatzteile verwendet?
War die Montage fachgerecht?
War die Schmierung ausreichend?
War das Kühlsystem funktionsfähig?
Gibt es Hinweise auf einen Vorschaden?
Gibt es Hinweise auf einen Montage- oder Bearbeitungsfehler?
Gibt es Hinweise auf einen Betriebs- oder Bedienungsfehler?
Welche Schäden sind Primär- und welche Folgeschäden?
Besteht ein technischer Zusammenhang zwischen Überholung und Motorschaden?
33. Wie wird die Qualität einer Motorüberholung sachverständig beurteilt?
Die Beurteilung erfolgt nicht allein anhand des Endergebnisses.
Vielmehr wird die gesamte technische Kette betrachtet:
Ausgangszustand
↓
Demontage
↓
Befundaufnahme
↓
Vermessung
↓
Bearbeitung
↓
Auswahl der Ersatzteile
↓
Montage
↓
Prüfung
↓
Inbetriebnahme
↓
Betrieb
↓
Schadensereignis
Diese Betrachtung ermöglicht es, mögliche Fehlerquellen systematisch einzugrenzen.
34. Nicht jeder Schaden nach einer Überholung ist ein Überholungsfehler
Auch nach einer fachgerecht ausgeführten Motorüberholung kann ein Motorschaden auftreten.
Mögliche andere Ursachen können beispielsweise sein:
neuer, unabhängiger Bauteildefekt
Vorschaden an einem nicht bearbeiteten Bauteil
falscher Betriebsstoff
Kühlungsproblem
Ölmangel
Betriebsfehler
außergewöhnliche Belastung
Deshalb muss die technische Bewertung immer den konkreten Einzelfall berücksichtigen.
Fazit
Ein Motor, der nach einer Überholung erneut einen schweren Schaden erleidet, wirft zahlreiche technische Fragen auf.
Die Tatsache, dass der Schaden nach der Überholung aufgetreten ist, beweist noch keinen Fehler bei der Instandsetzung.
Ebenso kann ein zeitnah nach der Überholung eingetretener Schaden durchaus auf
fehlerhafte Vermessung,
falsche Bauteile,
nicht eingehaltene Toleranzen,
fehlerhafte Bearbeitung,
Montagefehler,
Probleme der Schmierung oder
andere Fehler bei der Instandsetzung
zurückzuführen sein.
Für die sachverständige Bewertung ist deshalb die gesamte Prozesskette entscheidend:
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Vorschaden, Primärschaden und Folgeschaden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
„Ist der überholte Motor wieder kaputt?“
sondern:
„Entspricht die ausgeführte Motorüberholung den technischen Anforderungen und lässt sich der spätere Motorschaden auf einen Fehler der Instandsetzung zurückführen?“
Gerade bei Streitigkeiten zwischen Fahrzeughalter, Motoreninstandsetzer, Werkstatt, Händler oder Versicherung kann eine unabhängige sachverständige Untersuchung entscheidend dazu beitragen, die technische Ursache nachvollziehbar zu bestimmen.
Sachverständige Untersuchung nach einer Motorüberholung
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung sollten die beschädigten Bauteile möglichst erhalten und der technische Zustand vor einer erneuten Reparatur dokumentiert werden.
Insbesondere Messwerte, Ersatzteile, Bearbeitungszustände und Montagezustände können für die spätere Ursachenbewertung von erheblicher Bedeutung sein.