Kolbenfresser – wie entsteht er und was verrät das Schadensbild? - Motorensachverständiger, Motorengutachter, Motorschaden Sachverständiger, Motorschaden Gutachter

Ingenieurbüro für Verbrennungsmotoren GmbH

öffentlich bestellter und vereidigter Motorensachverständiger-Dipl. - Ing. (FH) Jörg Schulz

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Motor überholt und trotzdem Motorschaden – wie wird die Qualität einer Motorüberholung beurteilt?

Fachbeitrag von Dipl.-Ing. (FH) Jörg Schulz – Sachverständiger für Motorenschäden

 
Wenn der überholte Motor erneut ausfällt

 
Eine Motorüberholung ist technisch aufwendig und mit erheblichen Kosten verbunden. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn ein überholter Motor bereits nach kurzer Laufleistung erneut Probleme bereitet oder sogar einen schweren Motorschaden erleidet.
 

Dann stellen sich für den Fahrzeughalter, die Werkstatt oder den Auftraggeber wichtige Fragen:

 
Wurde der Motor tatsächlich fachgerecht überholt?
 
Wurden alle erforderlichen Arbeiten durchgeführt?
 
Wurden die richtigen Ersatzteile verwendet?
 
Wurden die vorgeschriebenen Maße und Toleranzen eingehalten?
 

Und vor allem:

 
Steht der spätere Motorschaden in einem technischen Zusammenhang mit der Motorüberholung?
 
Die Beantwortung dieser Fragen erfordert häufig eine detaillierte technische Untersuchung.
 
Dabei reicht es nicht aus, lediglich den erneuten Motorschaden festzustellen.
 
Es muss vielmehr geprüft werden, welche Arbeiten bei der Motorüberholung durchgeführt wurden, in welchem technischen Zustand sich die Bauteile befanden und ob die ausgeführten Arbeiten den technischen Anforderungen entsprachen.
 


 
1. Was bedeutet überhaupt „Motorüberholung“?
 
Der Begriff Motorüberholung ist im Alltag nicht immer eindeutig definiert.
 
Unter einer Motorüberholung können – abhängig vom Umfang – sehr unterschiedliche Arbeiten verstanden werden.
 

Beispielsweise können durchgeführt werden:

 
     
  • vollständige Demontage des  Motors
  •  
  • Reinigung der Bauteile
  •  
  • Vermessung
  •  
  • Bearbeitung der Zylinder
  •  
  • Honen
  •  
  • Schleifen der Kurbelwelle
  •  
  • Erneuerung der Kolben
  •  
  • Erneuerung der Kolbenringe
  •  
  • Erneuerung der Hauptlager
  •  
  • Erneuerung der Pleuellager
  •  
  • Erneuerung von Dichtungen
  •  
  • Überarbeitung des  Zylinderkopfes
  •  
  • Erneuerung von Ventilen
  •  
  • Erneuerung der Steuerkette
  •  
  • Erneuerung der Ölpumpe
  •  
  • Prüfung des Kühlsystems
 

Eine sogenannte „Motorüberholung“ kann daher einen sehr unterschiedlichen technischen Umfang haben.
 
Für die sachverständige Bewertung muss zunächst geklärt werden:

 
Welche Arbeiten wurden tatsächlich beauftragt und durchgeführt?
 


 
2. Eine Motorüberholung ist mehr als der Austausch einzelner Teile
 
Ein häufiger Irrtum besteht darin, eine Motorüberholung lediglich als Austausch verschlissener Bauteile zu betrachten.
 

Ein Beispiel:
 
Ein Motor erhält neue Kolben und neue Lager.
 
Damit ist noch nicht automatisch sichergestellt, dass der Motor fachgerecht überholt wurde.
 

Entscheidend ist beispielsweise auch:

 
     
  • Sind die Zylinder maßhaltig?
  •  
  • Wurde das richtige Laufspiel  hergestellt?
  •  
  • Sind die Lagerluft und  Kurbelwellenmaße korrekt?
  •  
  • Wurden die Ölkanäle gereinigt?
  •  
  • Wurde die Kurbelwelle geprüft?
  •  
  • Wurde der Zylinderkopf korrekt bearbeitet?
  •  
  • Wurde der Steuertrieb richtig eingestellt?

 
Die Qualität einer Motorüberholung hängt deshalb vom gesamten technischen Prozess ab.
 


 
3. Der erste Schritt: Dokumentation des Ausgangszustands
 
Für eine hochwertige Motorüberholung ist die Dokumentation des Ausgangszustands von großer Bedeutung.
 
Vor der Demontage sollten – soweit möglich – relevante Befunde dokumentiert werden.
 

Dazu können gehören:

 
     
  • Laufleistung
  •  
  • Kompressionswerte
  •  
  • Öldruck
  •  
  • Ölverbrauch
  •  
  • Fehlerspeicher
  •  
  • Motorgeräusche
  •  
  • Zustand des Motoröls
  •  
  • Kühlmittelzustand
  •  
  • sichtbare Schäden
  •  
  • Endoskopiebefunde

 
Diese Informationen können später wichtig sein, um den Zustand vor der Überholung mit dem Zustand nach der Überholung zu vergleichen.
 


 
4. Vermessung statt bloßer Sichtprüfung
 
Eine wesentliche Grundlage einer Motorüberholung ist die technische Vermessung.
 
Ein Bauteil kann äußerlich unauffällig aussehen und dennoch außerhalb der zulässigen Toleranzen liegen.
 

Beispiele sind:

 
     
  • Zylinderbohrung
  •  
  • Kolbendurchmesser
  •  
  • Kurbelwellenzapfen
  •  
  • Lagerdurchmesser
  •  
  • Lagerluft
  •  
  • Kolbenringstoß
  •  
  • Zylinderkonizität
  •  
  • Zylinderovalität
  •  
  • Planheit von Dichtflächen

 
Deshalb gilt:

 
Eine fachgerechte Motorüberholung erfordert bei den relevanten Bauteilen eine Prüfung von Maßhaltigkeit und Toleranzen.
 


 
5. Die Zylinderbearbeitung
 
Bei einer Motorüberholung können die Zylinder je nach Zustand bearbeitet werden.
 

Mögliche Arbeiten sind beispielsweise:

 
     
  • Honen
  •  
  • Aufbohren
  •  
  • Nachbearbeitung
  •  
  • Herstellung einer definierten      Oberflächenstruktur

 
Dabei müssen die vorgesehenen Maße und Oberflächenanforderungen eingehalten werden.
 

Besonders relevant sind:

 
     
  • Durchmesser
  •  
  • Rundheit
  •  
  • Konizität
  •  
  • Oberflächenstruktur
  •  
  • Laufspiel

 
Eine fehlerhafte Zylinderbearbeitung kann beispielsweise zu Problemen bei

 
     
  • Kolbenlauf
  •  
  • Schmierung
  •  
  • Kolbenringabdichtung
  •  
  • Ölverbrauch

 
führen.
 


 
6. Das richtige Kolbenspiel
 
Das Laufspiel zwischen Kolben und Zylinder muss innerhalb des konstruktiv vorgesehenen Bereichs liegen.
 
Ist das Spiel zu klein, kann es bei Betriebstemperatur zu einem Fressvorgang kommen.
 

Möglicher Schadensablauf:

 
zu geringes Kolbenspiel
 
 
thermische Ausdehnung
 
 
Kontakt zwischen Kolben und Zylinder
 
 
Fressspuren
 
 
Kolbenklemmer
 
 
Kolbenfresser

 
Ist das Spiel dagegen zu groß, können unter anderem

 
     
  • Geräusche
  •  
  • erhöhter Ölverbrauch
  •  
  • Blow-by
  •  
  • verstärkter Verschleiß

 
auftreten.

 
Die Vermessung des Kolbens und der Zylinder ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der technischen Bewertung.
 


 
7. Kurbelwelle und Lagerung
 
Die Kurbelwelle ist eines der zentralen Bauteile des Motors.
 
Bei einer Überholung muss geprüft werden, ob die Lagerzapfen innerhalb der vorgesehenen Toleranzen liegen.
 

Bei einer Bearbeitung der Kurbelwelle ist beispielsweise relevant:

 
     
  • Durchmesser
  •  
  • Rundheit
  •  
  • Oberflächenzustand
  •  
  • Maßhaltigkeit
  •  
  • Freigängigkeit
  •  
  • Position der Ölbohrungen

 
Werden Lagerzapfen bearbeitet, müssen die dazu passenden Lagerschalen verwendet werden.
 
Eine falsche Kombination aus Kurbelwellenmaß und Lager kann die vorgesehene Lagerluft verändern.


 
 
8. Lagerluft – kleine Abweichung, große Wirkung
 
Die richtige Lagerluft ist für die Funktion eines Gleitlagers von erheblicher Bedeutung.
 
Ist die Lagerluft zu gering, kann die Schmierung beeinträchtigt werden.
 
Ist sie zu groß, kann es zu erhöhtem Ölaustritt an der Lagerstelle und damit zu Veränderungen der Druckverhältnisse kommen.
 

Ein möglicher Schadensablauf bei einer zu kleinen Lagerluft:

 
falsche Lagerluft
 
 
Schmierfilm wird beeinträchtigt
 
 
Reibung steigt
 
 
Temperatur steigt
 
 
Lager wird beschädigt
 
 
Pleuellagerschaden
 
 
Kurbelwelle wird beschädigt

 
Hier kann ein Fehler bei der Motorüberholung unmittelbar mit einem späteren Motorschaden zusammenhängen.
 

 
9. Die Bedeutung der richtigen Lagerschalen
Lagerschalen können sich hinsichtlich

 
     
  • Abmessungen
  •  
  • Wandstärke
  •  
  • Beschichtung
  •  
  • konstruktiver Ausführung

 
unterscheiden.

 
Bei bestimmten Motoren können unterschiedliche Lagerklassen oder Maßstufen vorgesehen sein.
 
Deshalb muss geprüft werden:

 
Welche Lagerschalen wurden verwendet?
 
und:
 
Passen diese zum tatsächlichen Maß der Kurbelwelle?
 
Eine optisch passende Lagerschale ist nicht automatisch technisch die richtige.
 


 
10. Pleuel und Pleuellager
 
Auch die Pleuel müssen bei einer Motorüberholung überprüft werden.
 

Relevant können sein:

 
     
  • Pleuelgeometrie
  •  
  • Lageraufnahme
  •  
  • Pleuelauge
  •  
  • Pleuelbolzen
  •  
  • Pleueldeckel
  •  
  • Schrauben
  •  
  • Lagerluft

 
Bei einer fehlerhaften Montage oder einer nicht eingehaltenen Lagerluft kann ein Pleuellagerschaden entstehen.
 
Das spätere Schadensbild muss dann mit den bei der Überholung vorgenommenen Arbeiten verglichen werden.
 


 
11. Anzugsdrehmomente und Montageverfahren
 
Bei der Montage eines Motors müssen zahlreiche Schraubverbindungen nach definierten Verfahren hergestellt werden.
 

Dazu können je nach Konstruktion gehören:

 
     
  • bestimmtes Anzugsdrehmoment
  •  
  • Drehwinkel
  •  
  • definierte Anzugsreihenfolge
  •  
  • neue Dehnschrauben

 
Ein nicht eingehaltenes Montageverfahren kann die Funktion eines Bauteils beeinträchtigen.
 

Dies betrifft beispielsweise:

 
     
  • Pleuelschrauben
  •  
  • Hauptlagerschrauben
  •  
  • Zylinderkopfschrauben
  •  
  • Schwungradbefestigung
  •  
  • Steuertrieb

 
Bei einem späteren Motorschaden können deshalb auch die verwendeten Schrauben und deren Montagezustand von Interesse sein.
 


 
12. Zylinderkopf und Ventiltrieb
 
Eine Motorüberholung kann auch eine Bearbeitung des Zylinderkopfes umfassen.
 

Zu prüfen sind beispielsweise:

 
     
  • Dichtfläche
  •  
  • Ventile
  •  
  • Ventilsitze
  •  
  • Ventilführungen
  •  
  • Nockenwellen
  •  
  • Lagerstellen
  •  
  • Ventilspiel
  •  
  • Steuerzeiten

 
Fehlerhafte Arbeiten können beispielsweise zu

 
     
  • Kompressionsverlust
  •  
  • Ventilschäden
  •  
  • Überhitzung
  •  
  • Ölverbrauch
  •  
  • unzureichender Verbrennung

 
führen.
 


 
13. Steuerzeiten nach einer Motorüberholung
 
Werden Steuerkette, Zahnriemen oder andere Komponenten des Steuertriebs erneuert, muss die korrekte Einstellung der Steuerzeiten sichergestellt werden.
 
Eine fehlerhafte Einstellung kann zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Motorbetriebs führen.
 
Bei bestimmten Motorkonstruktionen kann es zu einer Kollision zwischen Ventil und Kolben kommen.
 

Mögliche Folgen:

 
     
  • verbogene Ventile
  •  
  • beschädigte Kolben
  •  
  • Schäden am Zylinderkopf
  •  
  • im Extremfall schwerer  Motorschaden

 
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung ist der Steuertrieb deshalb häufig ein wichtiger Untersuchungsbereich.
 


 
14. Die Ölversorgung nach einer Motorüberholung
 
Die Schmierung spielt nach einer Motorüberholung eine besonders wichtige Rolle.
 

Vor der Inbetriebnahme müssen beispielsweise

 
     
  • Ölversorgung
  •  
  • Ölfilter
  •  
  • Ölpumpe
  •  
  • Ölkanäle
  •  
  • Ölfüllmenge

 
berücksichtigt werden.

 
Nach der Überholung können sich beispielsweise Bearbeitungs- oder Montageverunreinigungen im Motor befinden.
 
Eine fachgerechte Reinigung und Kontrolle der Ölkanäle ist deshalb von großer Bedeutung.
 


 
15. Fremdkörper im Ölkreislauf
 
Metallspäne oder andere Verunreinigungen können während einer Motorüberholung entstehen oder in das System gelangen.
 
Wenn diese nicht vollständig entfernt werden, können sie später in den Schmierkreislauf gelangen.
 

Mögliche Folgen:

 
Fremdpartikel
 
 
Schmierstelle wird beschädigt
 
 
Lager-/Bauteilverschleiß
 
 
Metallabrieb
 
 
weitere Verunreinigung
 
 
Folgeschäden

 
Bei einem Motorschaden kurz nach einer Überholung sollte deshalb auch der Zustand des Ölkreislaufs untersucht werden.
 


 
16. Ölpumpe und Kolbenkühlung
 
Bei bestimmten Motoren sind die Ölpumpe und die Kolbenkühlung für die zuverlässige Funktion besonders relevant.
 
Wird die Ölpumpe nicht überprüft oder weist sie bereits Verschleiß auf, kann dies nach der Überholung zu Problemen mit der Ölversorgung führen.
 
Auch eine fehlerhafte Kolbenkühlung kann die thermische Belastung der Kolben beeinflussen.
 
Bei einem entsprechenden Schadensbild muss daher untersucht werden, ob diese Systeme ordnungsgemäß funktionieren konnten.
 

 
17. Dichtungen und Montagezustand
 
Bei einer Motorüberholung werden zahlreiche Dichtungen erneuert.
 

Dabei können Fehler beispielsweise durch

 
     
  • falsche Dichtung
  •  
  • beschädigte Dichtung
  •  
  • falsche Einbaulage
  •  
  • nicht eingehaltene  Montagevorgaben
  •  
  • Dichtmittelreste

 
entstehen.

 
Eine fehlerhafte Abdichtung kann beispielsweise zu

 
     
  • Ölverlust
  •  
  • Kühlmittelverlust
  •  
  • Öl-/Kühlmittelvermischung

 
führen.

 
Diese wiederum können Folgeschäden verursachen.
 


 
18. Das Kühlsystem darf nicht vergessen werden
 
Ein überholter Motor benötigt eine funktionierende Kühlung.
 

Deshalb sollte je nach Umfang der Arbeiten geprüft werden:

 
     
  • Kühler
  •  
  • Wasserpumpe
  •  
  • Thermostat
  •  
  • Kühlmittelleitungen
  •  
  • Kühlmittelkreislauf
  •  
  • Dichtheit

 
Ein Defekt im Kühlsystem kann zu einer Überhitzung führen.
 

Die Überhitzung kann wiederum

 
     
  • Kolben
  •  
  • Zylinderkopf
  •  
  • Zylinderkopfdichtung
  •  
  • Lager
  •  
  • Dichtflächen

 
schädigen.
 


 
19. Einfahrphase nach der Motorüberholung
 
Nach einer Motorüberholung können besondere Betriebsbedingungen während der ersten Betriebsphase relevant sein.
 

Dabei können beispielsweise

 
     
  • Kolbenringe
  •  
  • Zylinderlaufbahnen
  •  
  • Lager
  •  
  • Dichtflächen

 
einen Einlaufprozess durchlaufen.

 
Welche Vorgaben dabei gelten, hängt von Motor, Bauteilen und Hersteller- bzw. Instandsetzungskonzept ab.
 
Für die technische Bewertung eines Schadens kann deshalb relevant sein:
 
Wie wurde der Motor nach der Überholung betrieben?
 


 
20. Motorschaden bereits nach wenigen Kilometern
 
Ein Motorschaden unmittelbar nach einer Überholung ist besonders auffällig.
 
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Überholung fehlerhaft war.
 

Es müssen beispielsweise folgende Fragen untersucht werden:

 
     
  • Welche Bauteile wurden      überholt?
  •  
  • Welche wurden nicht bearbeitet?
  •  
  • Welche Teile wurden ersetzt?
  •  
  • War der Schaden bereits vor der      Überholung angelegt?
  •  
  • Ist der Schaden auf einen      bearbeiteten Bereich zurückzuführen?
  •  
  • Gibt es Hinweise auf einen      Montagefehler?
  •  
  • Gab es einen Bedienungs- oder      Betriebsfehler?
  •  
  • Ist ein Fremdkörper vorhanden?
  •  
  • Wurde der Motor korrekt befüllt      und gestartet?

 
Erst diese Gesamtbetrachtung ermöglicht eine belastbare Bewertung.
 


 
21. Vorschaden oder Fehler der Überholung?
 
Ein Motor kann vor der Überholung bereits erhebliche Vorschäden aufweisen.
 

Beispielsweise:

 
     
  • Riss
  •  
  • Materialermüdung
  •  
  • Vorschädigung der Kurbelwelle
  •  
  • beschädigtes Pleuel
  •  
  • thermische Vorschädigung
  •  
  • übermäßiger Verschleiß

 
Wenn ein solcher Vorschaden bei der Überholung nicht erkannt wird, kann später ein Motorschaden auftreten.
 
Dann muss untersucht werden:
 
War der Vorschaden bei fachgerechter Untersuchung erkennbar und hätte er im Rahmen der Überholung berücksichtigt werden müssen?
 
Diese Frage kann für die technische Bewertung entscheidend sein.
 


 
22. Der Umfang der Überholung ist entscheidend
 
Nicht jede Motorüberholung umfasst dieselben Arbeiten.
 
Ein Auftrag kann beispielsweise nur
 
„Erneuerung der Kolbenringe“
 
umfassen.
 
Eine andere Werkstatt kann dagegen eine
 
vollständige Motorinstandsetzung
 
durchführen.
 
Deshalb muss immer zunächst geklärt werden:
 
Welcher Leistungsumfang war vereinbart?
 
Erst danach kann beurteilt werden, welche Prüfungen und Arbeiten technisch zu erwarten waren.
 


 
23. Was bedeutet „fachgerecht“?
 
Bei der sachverständigen Bewertung muss zwischen verschiedenen Aspekten unterschieden werden.
 

Zu betrachten sind beispielsweise:

 
     
  • anerkannte technische Regeln
  •  
  • Herstellervorgaben
  •  
  • technische Dokumentation
  •  
  • vorgeschriebene Maße
  •  
  • Toleranzen
  •  
  • Montageverfahren
  •  
  • verwendete Ersatzteile
  •  
  • konkrete Aufgabenstellung

 
Die Frage lautet deshalb nicht nur:
 
„Läuft der Motor?“
 
Sondern:
 
„Entspricht die Ausführung der durchgeführten Arbeiten den technischen Anforderungen an eine fachgerechte Instandsetzung?“
 


 
24. Welche Unterlagen sind für die Untersuchung wichtig?
 
Bei einem Streit über eine Motorüberholung sollten möglichst viele Unterlagen gesichert werden.
 

Besonders hilfreich sind:

 
     
  • Auftrag
  •  
  • Rechnung
  •  
  • Arbeitsbericht
  •  
  • Teilelisten
  •  
  • Ersatzteilnummern
  •  
  • Messprotokolle
  •  
  • Fotos
  •  
  • Angaben zur Motorbearbeitung
  •  
  • Angaben zur      Kurbelwellenbearbeitung
  •  
  • Angaben zur Zylinderbearbeitung
  •  
  • Herstellerunterlagen
  •  
  • technische Daten
  •  
  • Öl- und Filterdaten

 
Auch die Kommunikation zwischen Auftraggeber und Werkstatt kann wichtige Informationen über den vereinbarten Reparaturumfang enthalten.


 
 
25. Warum Rechnungen allein nicht immer ausreichen
 
Eine Rechnung kann zwar dokumentieren, welche Positionen berechnet wurden.
 
Sie sagt jedoch nicht zwingend aus, welche technische Arbeit tatsächlich durchgeführt wurde oder welche Arbeitsschritte im Detail vorgenommen wurden.
 
Für die sachverständige Bewertung können deshalb zusätzliche Nachweise erforderlich sein.
 

Beispielsweise:

 
     
  • Messprotokolle
  •  
  • Maschinenprotokolle
  •  
  • Fotos
  •  
  • Arbeitsdokumentation
  •  
  • Teilekennzeichnungen
 


 
26. Welche Bauteile sollten bei einem Motorschaden erhalten bleiben?
 
Bei einem streitigen Schaden sollten die ausgebauten Teile möglichst nicht entsorgt werden.
 

Besonders wichtig können sein:

 
     
  • Kolben
  •  
  • Kolbenringe
  •  
  • Lagerschalen
  •  
  • Kurbelwelle
  •  
  • Pleuel
  •  
  • Zylinderkopf
  •  
  • Ventile
  •  
  • Steuertrieb
  •  
  • Ölpumpe
  •  
  • Ölfilter

 
Diese Bauteile können später wichtige Hinweise auf die Schadensursache liefern.
 


 
27. Beweissicherung vor der Zerlegung
 
Wenn ein überholter Motor erneut einen schweren Schaden erleidet, sollte möglichst vor einer weiteren Reparatur eine technische Beweissicherung erfolgen.
 

Dabei können beispielsweise dokumentiert werden:

 
     
  • Ölstand
  •  
  • Ölzustand
  •  
  • Kühlmittelstand
  •  
  • Fehlerspeicher
  •  
  • äußere Schäden
  •  
  • Montagezustand
  •  
  • Schadensspuren
  •  
  • Einbaulage
  •  
  • Betriebszustand

 
Anschließend kann die Zerlegung kontrolliert und dokumentiert erfolgen.
 


 
28. Beispiel: Pleuellagerschaden nach Motorüberholung
 
Ein Motor wurde vollständig überholt.
 
Nach nur wenigen hundert Kilometern tritt ein schwerer Pleuellagerschaden auf.
 

Bei der Untersuchung werden folgende Befunde festgestellt:

 
     
  • starke Fressspuren am      Pleuellager
  •  
  • Beschädigung des      Kurbelwellenzapfens
  •  
  • ungewöhnliche Lagerabmessungen
  •  
  • Auffälligkeiten an der      Lagerstelle

 
Jetzt stellen sich beispielsweise folgende Fragen:

 
     
  • Welche Lager wurden verwendet?
  •  
  • Welche Maße hatte die Kurbelwelle?
  •  
  • Wurde die Kurbelwelle      bearbeitet?
  •  
  • Welche Lagerluft wurde      hergestellt?
  •  
  • Wurde die Lagerluft tatsächlich      gemessen?
  •  
  • Wurden die richtigen      Lagerschalen verwendet?
  •  
  • Wurden die Pleuelschrauben      korrekt montiert?

 
Erst die Beantwortung dieser Fragen kann zeigen, ob ein Zusammenhang mit der Motorüberholung besteht.
 


 
29. Beispiel: Kolbenfresser nach Motorüberholung
 
Ein Motor wird überholt und erhält neue Kolben.
 
Nach kurzer Laufleistung tritt ein Kolbenfresser auf.
 
Bei der Untersuchung zeigen sich deutliche Fressspuren.
 

Nun muss beispielsweise untersucht werden:

 
     
  • Welches Laufspiel wurde      hergestellt?
  •  
  • Welche Kolben wurden verwendet?
  •  
  • Welche Zylindermaße liegen vor?
  •  
  • Wurde die Zylinderbearbeitung      fachgerecht durchgeführt?
  •  
  • Ist die Honstruktur korrekt?
  •  
  • Gibt es Hinweise auf      Überhitzung?
  •  
  • War die Kolbenkühlung      funktionsfähig?
  •  
  • Gab es Schmierungsprobleme?

 
Ein Fressschaden allein beantwortet die Frage nach der Ursache nicht.
 


 
30. Beispiel: Motorschaden nach Zylinderkopfüberholung
 
Ein Zylinderkopf wurde überholt.
 
Nach kurzer Laufleistung tritt ein Motorschaden auf.
 

Zu untersuchen sind beispielsweise:

 
     
  • Ventilsitze
  •  
  • Ventilführungen
  •  
  • Ventile
  •  
  • Dichtfläche
  •  
  • Steuerzeiten
  •  
  • Zylinderkopfdichtung
  •  
  • Anzugsverfahren
  •  
  • Kühlmittelkreislauf

 
Auch hier muss die technische Wirkungskette zwischen der ausgeführten Arbeit und dem späteren Schaden nachvollziehbar sein.
 


 
31. Ursache – Primärschaden – Folgeschaden
 
Bei einer Motorüberholung ist diese Unterscheidung besonders wichtig.
 

Beispielsweise:

 
fehlerhafte Lagerluft
 
 
Pleuellagerschaden
 
 
Kurbelwellenschaden
 
 
Pleuelabriss
 
 
Beschädigung des Motorblocks

 
Der am Ende sichtbar zerstörte Motorblock ist dann möglicherweise nur der Folgeschaden.
 
Die eigentliche Ursache liegt möglicherweise in einem Fehler bei der Instandsetzung.
 


 
32. Was sollte ein Sachverständigengutachten beantworten?
 
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung können insbesondere folgende Fragen relevant sein:

 
     
  1. Welcher Motorschaden liegt vor?
  2.  
  3. Welches Bauteil hat zuerst      versagt?
  4.  
  5. Wie ist der      Schadensmechanismus?
  6.  
  7. Welche Arbeiten wurden im      Rahmen der Überholung durchgeführt?
  8.  
  9. Welche Bauteile wurden      erneuert?
  10.  
  11. Welche Bauteile wurden      bearbeitet?
  12.  
  13. Welche Bauteile wurden nicht      bearbeitet?
  14.  
  15. Wurden die relevanten Maße und      Toleranzen eingehalten?
  16.  
  17. Wurden geeignete Ersatzteile      verwendet?
  18.  
  19. War die Montage fachgerecht?
  20.  
  21. War die Schmierung ausreichend?
  22.  
  23. War das Kühlsystem      funktionsfähig?
  24.  
  25. Gibt es Hinweise auf einen      Vorschaden?
  26.  
  27. Gibt es Hinweise auf einen      Montage- oder Bearbeitungsfehler?
  28.  
  29. Gibt es Hinweise auf einen      Betriebs- oder Bedienungsfehler?
  30.  
  31. Welche Schäden sind Primär- und      welche Folgeschäden?
  32.  
  33. Besteht ein technischer      Zusammenhang zwischen Überholung und Motorschaden?
 


 
33. Wie wird die Qualität einer Motorüberholung sachverständig beurteilt?
 
Die Beurteilung erfolgt nicht allein anhand des Endergebnisses.
 

Vielmehr wird die gesamte technische Kette betrachtet:

 
Ausgangszustand
 
 
Demontage
 
 
Befundaufnahme
 
 
Vermessung
 
 
Bearbeitung
 
 
Auswahl der Ersatzteile
 
 
Montage
 
 
Prüfung
 
 
Inbetriebnahme
 
 
Betrieb
 
 
Schadensereignis

 
Diese Betrachtung ermöglicht es, mögliche Fehlerquellen systematisch einzugrenzen.
 

 
34. Nicht jeder Schaden nach einer Überholung ist ein Überholungsfehler
 
Auch nach einer fachgerecht ausgeführten Motorüberholung kann ein Motorschaden auftreten.
 

Mögliche andere Ursachen können beispielsweise sein:

 
     
  • neuer, unabhängiger Bauteildefekt
  •  
  • Vorschaden an einem nicht  bearbeiteten Bauteil
  •  
  • falscher Betriebsstoff
  •  
  • Kühlungsproblem
  •  
  • Ölmangel
  •  
  • Betriebsfehler
  •  
  • außergewöhnliche Belastung

 
Deshalb muss die technische Bewertung immer den konkreten Einzelfall berücksichtigen.
 


 
Fazit
 
Ein Motor, der nach einer Überholung erneut einen schweren Schaden erleidet, wirft zahlreiche technische Fragen auf.
 
Die Tatsache, dass der Schaden nach der Überholung aufgetreten ist, beweist noch keinen Fehler bei der Instandsetzung.
 

Ebenso kann ein zeitnah nach der Überholung eingetretener Schaden durchaus auf

 
     
  • fehlerhafte Vermessung,
  •  
  • falsche Bauteile,
  •  
  • nicht eingehaltene Toleranzen,
  •  
  • fehlerhafte Bearbeitung,
  •  
  • Montagefehler,
  •  
  • Probleme der Schmierung oder
  •  
  • andere Fehler bei der      Instandsetzung

 
zurückzuführen sein.

 
Für die sachverständige Bewertung ist deshalb die gesamte Prozesskette entscheidend:
 
Ausgangszustand → Befundaufnahme → Vermessung → Bearbeitung → Ersatzteile → Montage → Inbetriebnahme → Betriebsbedingungen → Schadensbild
 
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Vorschaden, Primärschaden und Folgeschaden.
 
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
 
„Ist der überholte Motor wieder kaputt?“
 
sondern:
 
„Entspricht die ausgeführte Motorüberholung den technischen Anforderungen und lässt sich der spätere Motorschaden auf einen Fehler der Instandsetzung zurückführen?“
 
Gerade bei Streitigkeiten zwischen Fahrzeughalter, Motoreninstandsetzer, Werkstatt, Händler oder Versicherung kann eine unabhängige sachverständige Untersuchung entscheidend dazu beitragen, die technische Ursache nachvollziehbar zu bestimmen.
 
Sachverständige Untersuchung nach einer Motorüberholung
 
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung sollten die beschädigten Bauteile möglichst erhalten und der technische Zustand vor einer erneuten Reparatur dokumentiert werden.
 
Insbesondere Messwerte, Ersatzteile, Bearbeitungszustände und Montagezustände können für die spätere Ursachenbewertung von erheblicher Bedeutung sein.
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